Galerie Raum mit Licht

 

AGLAIA KONRAD & WILLEM OOREBEEK

»in Widerspruch, zusammen«

Eröffnung: 23.03.2019, 11-14 Uhr
Ausstellungsdauer: 26.03.-10.05.2019

© Aglaia Konrad

„In Widerspruch, zusammen“, ... schon der Titel der Ausstellung verweist auf eine Haltung, die das Werk von Aglaia Konrad (A) und Willem Oorebeek (NL) auf zentrale Weise verbindet und - paradoxer Weise - auch nicht verbindet. Es ist das Prinzip der Toleranz und Akzeptanz gegenüber dem Anderen. Seit 1991 verheiratet, haben sich beide Künstler auf je eigenem Territorium entwickelt, wenn gleich sie viele Berührungspunkte haben und bereits 2011 das erste Mal gemeinsam in Florenz eine Ausstellung gestalteten. Heute leben und arbeiten sie in Brüssel.

Aglaia Konrad erfasst mit analoger Foto - und Filmkamera ihre urbane Umwelt. Die Bilder, die zu Hause und auf Reisen entstehen, sind in schwarz-weiß gehalten und loten jene Situationen aus, in denen der Rückbau von Städten zum Thema wird. Auf diesen bildlichen Dokumenten gewinnen die Schattenseiten von Prozessen der Zivilisation ein Gesicht: Denn dort, wo der jugendliche Kontinent des immer Neuen fortschrittsgläubig wächst, öffnet sich auf der anderen Seite ein Abgrund des Abgelebten, Hinterlassenen, Verbrauchten. Ungeordnet wuchert dieses Reich vor sich hin. Was passiert an den Schnittstellen zwischen Ordnung und Ordnungsauflösung, dort, wo sich die Gegenwart der materiellen Existenz des Vergehenden stellen muß? Mit ruhigen, unbefangenen Blick auf die besondere Ästhetik von Schutt und Zerstörung, entdeckt Aglaia Konrad Relikte von besonderer Ausdruckskraft. Sie bezeichnet sie als „RÜCKBAUKRISTALLE“. Diese bearbeiteten „Objets trouvés“ umfängt eine besondere Aura. Sie tragen das Potenzial von Dingen in sich, auf die sich einmal Archäologen stützen könnten. Konrads hohe Sensibilität für skulpturale Wertigkeiten von Architektur offenbart sich darüber hinaus in ihrem „SCHAUBUCH1. Passagen durch zahlreiche Museen, die Konrad zwischen 2010 und 2017 unternommen hat, sind in dieses persönliche Bildarchiv eingeflossen. Dabei blendet sie die Bedingungen der jeweiligen Rezeptionsmöglichkeiten nicht aus. Spiegelndes Vitrinenglas oder lichtreduzierte museale Situationen werden als Dispositiv akzeptiert und in die fotografischen Bildfindungen integriert. Noch stärker aber schlägt sich die Offenheit gegenüber den Anarchien eines Lebensganges in jenen Bildstreifen nieder, die absichtslose Überblendungen festhalten. In der Serie „Zweimal belichtet“ aus 2013 amalgieren die Straßen von Wien und Kairo zu einem einzigen vielgestaltigen Straßenbild mit wechselnden Horizonten: österreichischer Schnee liegt in der ägyptischen Hauptstadt. Das Unvereinbare bleibt unvereinbar und muss doch angenommen werden.

Willem Oorebeek dagegen ist in allererster Linie ein leidenschaftlicher Drucker. Er betreibt eine eigene Lithographiepresse. Sein Interesse gilt nicht der direkten, unmittelbaren Hervorbringung von Bildern des Gesehenen und Erlebten. Vielmehr charakterisiert den niederländischen Künstler der Umgang mit vorgefundenen Bildern, die von den Medien der heutigen Massenkultur generiert und vervielfältig werden und dabei eine - ihre - eigene Realität gewonnen haben. Mit seinem grafischen Werk werden entscheidende Fragen zur gegenwärtigen Bildproduktion und ihrer privaten/individuellen Aneignung im persönlichen Bildgedächtnis aufgeworfen: Was etwa repräsentiert ein Bild heute noch? Welche Bilder behaupten in der exuberanten Bildproduktion der Gegenwart noch ikonischen Status und welche Bilder verschwinden in der Fülle der Reproduktionen? Sein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf Möglichkeiten und Wirkungen der ikonoklastischen Geste. Ist das Unterdrücken von Bildlichkeit heute überhaupt noch möglich? In diesem Zusammenhang ist die seit 1999 entstehende Serie der „BLACKOUTS“ zu nennen. Oorebeek taucht jene Magazin-Seiten in schwarze Druckerfarbe, die ihn besonders berühren. Dem ersten Blick bleiben sie so entzogen, doch übt gerade dieser Entzug an Sichtbarkeit einen unstillbaren Reiz aus, das überdruckte Sujet durch die Wendung des Blickes und der Suche nach geeigneter Lichtreflexion aufzuspüren. Die ikonoklastische Geste verkehrt sich so in ihr Gegenteil: Sie macht sichtbar! Widerständigkeit gegen den Verschleiß von Bildern thematisiert Oorebeeks auch in seiner Arbeit mit Reproduktionen des „Turmbau zu Babel“, jenem berühmten Gemälde Pieter Brueghel d.Ä. aus dem Jahr 1568, das in dem Boijmans van Beuningen Museum in Rotterdam hängt. Im digitalen Google – Bildarchiv aufgefunden, hat er es auf einen üblichen A4-Bogen in Schwarz/Weiss ausgedruckt, irgendwann zusammengeknüllt und in den Papierkorb befördert, dann doch wieder aufgehoben, entfaltet, eingescannt und mit all den materiellen Spuren verwendeten Papiers in eine große Print-Version gebracht, schließlich sogar als Vorlage für einen Gobelin verwendet. Oorebeek spricht für diesen künstlerischen Akt einer aufwertenden Reproduktion von „Wieder Holung“.

Was beide Künstler am Ende verbindet, ist die weitsichtige Perspektive einer Zukunftsarchäologie, die danach fragt, was einmal von unserer schnelllebigen, unbeständigen Wegwerfkultur übrig bleiben wird. Worauf wird sich unsere Erinnerung stützen?


1 Konrad A., SCHAUBUCH: Skulptur. Roma Publications #303, 2017


Text: Heidrun Rosenberg 2019

Asstellung in Rahmen von FOTO WIEN