Galerie Raum mit Licht

 

ANITA WITEK

»BEST OF...« im Rahmen von EYES ON: Monat der Fotografie

Eröffnung: Mittwoch 30. Oktober 2012, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 31. Oktober bis 15. Dezember 2012

»Best of« gleicht einer Reise.
Foto für Foto betritt der Besucher fremdartige Räume, Landschaften oder Innenwelten.
Eine Zeitreise, möglicherweise. Alles beginnt mit einer kleinen, scheinbar einfachen Fotografie. Darauf sieht man einen Bogen, eine Flasche, vielleicht voll Wasser, einige konstruktive Elemente, verstreut. Trotz der abstrakten Anmutung gelingt es dem Bild einen gleichsam realen Raum zu zeigen. Anita Witek hat, ihrem Arbeitsprinzip der Konstruiertheit des fotografischen Bildes gemäß, Collagen oder besser Montagen aus vorgefundenem Bildmaterial montiert und dann diese Bildvorlagen erneut fotografiert. Für die hier gezeigte Werkserie fand sie ihr Material in zwei Quellen aus ihrer Kindheit in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts in Westeuropa. Die Zeitschrift »Schöner Wohnen« und der titelgebende Band des Fotografen David Hamilton haben beide auf ihre Art das kollektive Bewusstsein jener Zeit geprägt. Doch diese Bildwelten liefern nur Vorlagen. Während von den Einrichtungsträumen, welche Häuslichkeit und Modernität auf ein kompatibles Maß zusammenbrachten, der konstruktive Rahmen Bestand hat, sind die erotischen Phantasien des alternden Fotografen von frühpubertären Mädchen so gut wie unsichtbar. Anita Witek verwendet nur die Räume, die Hintergründe dieser Abbildungen, sie schneidet die Figuren, die eigentlichen Bild-Sujets im Vordergrund heraus. Dadurch filtert sie die Essenz des Materials, das normbildende und das nicht ganz geheime Bildarchiv vermischen sich, diffuse Prägung statt Erinnerung, eine Folie für die Frage nach der Form des Eigenen.

Aus einigen Elementen fügt sich ein erster Raum. Über diese Strukturen legt die Künstlerin weitere Versatzstücke, auch Papierschnipsel, neutrale Formen ohne Bedeutung. Dem einfachen Bild, welches das Feld geöffnet hat, antworten zwei Arbeiten, ein Prozess ist in Gang geraten. Die Bilder, dicht nebeneinander gehängt, gleichen einander. Wie Suchbilder, in denen Fehler versteckt sind, enthüllen sie das vergebliche Verlangen nach dem »wahren« Bild. Schichten von Blickmaterial lagern sich ab, es gibt jedoch eine Verschiebung. Noch ist nicht klar, was erinnert wird, es zeigt sich nur Atmosphärisches, darin einige insistierende Details. »Die Knoten haben eine logische Priorität vor den Linien, sie stellen Fragen.« Diese Bemerkung von Claude Levi-Strauss findet sich in der Konzeption des »Geflechts« als topisch/topologisches Paradigma der Malerei von Hubert Damisch. Schicht um Schicht entsteht so, ineinander verwoben, die Tiefenstruktur einer Fläche aus Spannung und Diskontinuität.

Eine derartige Textur von Verdichtung und Durchlässigkeit steigert Anita Witek im großen Tableau der Serie zum Rätselbild oder Bilderrätsel. Räume werden geöffnet und zugleich durch Rahmung begrenzt, Böden werden zu Decken, Treppen führen ins Nichts. Schnipselwerk, das über signifikante Bildelemente gelegt ist, fungiert wie Klammern, reine »Papierteile« formen neue Bedeutungen, eine Tasche, aus der etwas hervorquillt, deutet weitere Oberflächenebenen an. Zudem können links und rechts, oben und unten nicht klar zugeordnet werden, das Bild könnte ebenso gut andersherum hängen und doch wirkt es in seiner manifesten Größe ganz real. Und tatsächlich steht auch die Größe dieser Fotografie im krassen Widerspruch zur Marginalität des darauf Abgebildeten. Hier wird die Auflösung des Realen mit den Mitteln der Realität betrieben, ein surrealistisches Vorgehen. Gleich einem Traumbild fügt sich etwas, das zwar eine klare Bedeutung zu haben scheint, dessen Botschaft jedoch völlig unklar bleibt. Als Kontrapunkt setzt die Künstlerin nun wiederum zwei Versionen derselben Szene. Sie scheinen aus einer Umschrift des großen Rätselbildes hervorgegangen. Übereinander hängend wirken die Fotografien wie Bühnenräume, Guckkästen, in denen verschiedene Szenen des einen Stücks aufgeführt werden. Denn es ist immer dasselbe Stück. Irritierend darin besonders die Anwesenheit der abwesenden Protagonisten, Hohlräume verweisen auf das Fehlende. Der wiederkehrende Zweig stellt derweil noch einmal die Frage nach der »wahren« Erinnerung. Oder handelt es sich um einen Zeitsprung? In jedem Fall um eine Erzählung über die Struktur des Vergangenen, denn es wird noch einmal, an Hand zweier kleinerer Arbeiten die Funktion des Doppels gezeigt. Dasselbe räumliche Dispositiv erhält durch Beifügungen eine gänzlich andere Stimmung und Aussage. Die eine Szene erscheint kühl und nüchtern, die andere verträumt; es könnte also nicht dieselbe Person sein, die sich erinnert. Das Arrangement jedoch ist schlicht und lässt solche Schlüsse nicht zu. Es sagt nur, dass Bilder, alle Arten von Bildern, Konstrukte sind.

Das letzte Bild der Serie hebt auch diese vertraute Gewissheit auf. Wie ein Kreis schließt sich hier die Anordnung der Fotografien und führt zum Anfang zurück. Das letzte Bild schließt an das erste an. Kreisförmig ist auch der optische Anziehungspunkt des Bildes. Eine Bogenform, gefüllt mit Wasser, eine Art Strudel, zieht den Betrachter in ihren Bann. Wasser und Himmel bleiben ein Oberflächenspiel und doch wird darin Zeit als visuelle Dimension sichtbar. In der Serie »Best of ...« von Anita Witek zeigt sie sich zyklisch, in der Struktur der Wiederholung.

Daniela Hölzl

http://anitawitek.net/