Galerie Raum mit Licht

 

Bernhard Hosa

Portraits ohne Antlitz. Fotomontagen

Alphonse Bertillon, Anthropologe und Präfekt der Pariser Polizei, definierte in den 1880er Jahren die Regeln einer Ästhetik, die ikonographisch Kriminelle produzierte. Sein System zur Erfassung typischer Merkmale, das neben der verbalen Beschreibung besonderer Merkmale und der Vermessung bestimmter Körperteile auch das nach rigiden Vorgaben anzufertigende fotografische Abbild vorsah, gliederte sich in vier Stufen. Bertillons Methode fand in der Ethnologie, der Anthropologie sowie in der Medizin Anwendung. Durch die sogenannte „Bertillonage“ wurden individuelle Unterschiede aufgehoben und zu Stereotypen zusammengefasst: Das Bild des Körpers sollte zeigen, wer man ist. Es bestimmte nach damaliger Ansicht nicht nur die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, sondern ließ auch Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften und Intelligenz zu. Der in den historischen Anfängen der Fotografie ungetrübte Glaube an die Wahrhaftigkeit des fotografischen Bildes ging mit der extensiven Produktion von Aufnahmen vom (wie auch immer definierten) „Anderen“ einher. Das fotografische Abbild wurde zum Beweismittel einer wissenschaftlichen Lehre, die ihr Augenmerk auf Abweichungen von der Norm richtete. Einer Norm, die auf den klassischen bürgerlichen Idealen aufbaute. Im Verwertungskontext der Wissenschaften gab eine Fotografie damit nicht selten den Ausschlag zu sozialer Stigmatisierung.
All das liefert den Hintergrund zur Arbeit von Bernhard Hosa, dessen Werk sich in raumgreifen-den Installationen, Objekten und Fotomontagen manifestiert. Hosas Interesse gilt dabei dem ana-lytischen, systematisierenden und klassifizierenden Blick, den die Wissenschaften auf das menschliche Individuum werfen, sowie den damit einhergehenden Mechanismen sozialer Ein- und Ausschlussprozesse. Konkret ablesbar wird dies beispielsweise anhand der zwölfteiligen Serie Auf der Suche nach dem richtigen Bild (2011–12). Ausgehend von fotografischen Reproduktionen von Fahndungsfotos (Mugshots) aus größtenteils historischen, literarischen Quellen persifliert Hosa Bertillons Methode und stellt  damit besagten Bildtypus als Beweismittel kritisch zur Diskussion. Der Künstler hat hierfür die für Mugshots typischen Frontal- und Profilansichten von Straftätern aus Büchern abfotografiert, vergrößert und sämtliche Merkmale, die ein Gesicht kennzeichnen, durch Faltungen an entsprechenden Stellen eliminiert. Man blickt auf Fragmente menschlicher Gestalten, auf Köpfe ohne Augen, Nase und Mund. Man schaut in Gesichter ohne Antlitz, auf monströs anmutende Gebilde, zusammengestückelt aus Details eines ehemals Ganzen, das wohl nur halb so viel Unbehagen auszulösen vermochte, wie es nun Hosas Arbeiten tun, deren einzelne Bildkomponenten mit Klammern akribisch aneinandergeheftet sind. Narben ähnlich durchkreuzen sie die Bildoberfläche, verstärken den Eindruck des Körperhaften, des Haptischen, des Verletzlichen.
 
Bernhard Hosas Strategie des Reproduzierens, Sezierens und Rekombinierens wurzelt im Zweifel des Künstlers an tradierten Darstellungsformen und im Bedürfnis, starre Systeme kritisch zu durchleuchten. Seine Recherche basiert dabei stets auf Text- und Bilddokumenten, die Einrichtungen wie Gefängnisse, Krankenhäuser und Psychiatrien beschreiben – Domänen also, die für die psychische wie physische Disziplinierung des Individuums stehen. Unweigerlich rückt der menschliche Körper damit in den Fokus seines Schaffens: sei es als Phantomleib, der in die raumgreifenden architektonischen Strukturen des Künstlers eingeschrieben scheint, sei es in Form von organisch anmutenden Objekten, die der Künstler meist in Kombination mit den Installationen und Fotomontagen ausstellt.
Bezüglich Letztgenannter sei auf die beiden jüngst entstandenen Serien Physical Blur und In Place Of verwiesen. In ihnen wird die Idee vom fotografischen Abbild als Mittel zur Festschreibung von Identität erneut aufgegriffen und unterlaufen. Ersetzen in In Place Of Hände das Gesicht, geht der Künstler in Physical Blur noch einen Abstraktionsschritt weiter: Unterschiedliche Ansichten von Kopfbehaarungen hat er hier zusammengefügt. Körperhaftes lässt sich nur mehr latent assoziieren.
Der zergliederte, manipulierte, der disharmonische Körper – die Kunst der Moderne, von Picasso bis Bacon, ist voll von dahingehenden Bildern. In Bezug auf Hosas Fotomontagen drängen sich vorderhand Parallelen zum Surrealismus auf: Der Körper in der Fotografie galt den Vertretern dieser Strömung nicht mehr als Ort zur Beglaubigung von Identität, sondern als System von aus-tauschbaren und immer wieder neu kombinierbaren Variablen. Oder wie es Hans Bellmer 1934 beschrieb: Der Körper wird durch die Collage/Montage zum Anagramm, zu einer Kette von Zei-chen, die stets neu geformt oder umgeformt werden können.

Text: Manisha Jothady
erschienen in EIKON 88