Galerie Raum mit Licht

 

CAROLINE HEIDER & JEMIMA STEHLI

»DER VERSCHOLLENE: BODIES OF WORK«

Eröffnung: Mittwoch 14. März 2012, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 15. März - 5. Mai 2012

(»Der Verschollene: Bodies of Work« eröffnet eine fortlaufende Ausstellungsreihe in der Galerie Raum mit Licht, welche entlang konkreter Schwerpunkte auf die Verwebungen von Kontexten und Analogien zwischen den Methoden in den Arbeiten ausgewählter KünstlerInnen aufmerksam macht.)
Der Titel legt es nahe: Die aktuelle Ausstellung von Caroline Heider und Jemima Stehli fokussiert den menschlichen Körper als Material in der Kunst und verschafft ihm, als Bild-Körper und als repräsentierte Projektionsoberfläche mehr als ein Revival. Denn anders als bei den
»Materialaktionen« (1964 bis 1966) von Otto Mühl, steht hier nicht der Körper selbst und seine Funktionen als das eigentliche Material in Performances im Vordergrund. Vielmehr begreifen Caroline Heider und Jemima Stehli in »Der Verschollene: Bodies of Work« das bereits bestehende fotografische Abbild des Körpers als Material und verarbeiten dieses performativ weiter: Jemima Stehli re-inszeniert in ihren Körpergesten hierzu Konzepte bekannter KünstlerInnen und schlüpft selbst in die Rolle der „anderen“, indem ihr eigener nackter Körper gesichtslos als Projektionsoberfläche im Bild erscheint. Diese Arbeiten befragen die Identität einer Künstlerin als jene Funktion, zugleich Subjekt und Objekt ihrer Werke zu sein. Caroline Heider ruft durch ihre Faltungen am Bildmaterial vorgefundener Fotografien Fragmentierungen in den repräsentierten Körpern hervor: Es entstehen Ausblendungen am Bild-Körper, dessen Leerstellen nur mit unserer eigenen Identifikation, mit dem Vorbild des ganzheitlichen zusammengefassten Körpers ersetzt werden können.
Durch diese außergewöhnlichen (Re)Inszenierungen von Körpern wird nicht nur die Selbstanalyse des Mediums der Fotografie als Produzentin von Körperbildern hervorgehoben, sondern auch deren determinierende Bedingungen. Beide Künstlerinnen verwenden das Medium der Photographie als Material und Botschaft zugleich, indem sie am bereits existierenden Material Weiterführungen mit selbstreferenziellen Charakter erschaffen, welche die Grenze zwischen dem Innen und dem Außen der Repräsentation auflösen. Die eigentliche Authentizität des Körpers bleibt dabei jedoch stets verschollen.
In Jemima Stehlis Polaroid-Serien »Thinking of the Pavilion« werden die BetrachterInnen in das Spiel der Bewegung von Blickmechanismen eingeführt. Im Moment der Selbstaufnahme wird Stehli zur Projektionsoberfläche von Spiegelungen der Außenwelt. Inmitten der räumlich installierten Spiegel des »Heart Pavillons« von Dan Graham verwischt sich ihr Körper zu ekstatischen Verläufen. Konturenhaft erscheint die Künstlerin als Gefangene des Blickes. Jenes ganzheitliche „Nachher“, welches im Auge der Betrachterin normalerweise als Bild erscheint, ist hier noch mit keinem Endpunkt versehen. Der Körper der Künstlerin wird hier zum Mittel einer künstlerischen Sprache und Praxis: zum Zeugnis einer materiellen Realität, die Formen bildet und verwebt, doch darin sich selbst stets verliert.
Caroline Heider nimmt für ihre 75-teiligen Serie »Tips für Sie« illustrierte Seiten aus einem gleichnamigen Frauenmagazin (1964) zum Ausgangspunkt, auf welchen Frauen zum „Formgewinn“, d.h. zum Körpertraining, animiert werden sollten. Die Platzierung dieser Arbeiten im ersten Ausstellungsraum vergegenständlicht auch hier eine Aufwärmübung, um in das Oeuvre der Künstlerin einzutauchen. Heiders Eingriffe auf solche vorgefundenen Bildmaterialien verfolgen hier ein klares Ziel, das auf einer Bildkritik, nämlich „der Verschränkung des körperlosen Bildes (Image) mit dem Trägermaterial (Picture)“ aufbaut (Caroline Heider). Imaginärer Körperraum und deformierter Bildkörper interagieren auf ungewohnte Weise. Durch ihre direkten Faltungen am Material werden jene neu fragmentierten Körperbilder von Frauen in ein „Nachher“ transportiert, welche sich aus dem „Vorher“, ihren repräsentierten ganzheitlichen Vorbildern, entfalten. Durch diese Ausblendungen transformieren sich Frauenkörper und Bilder zu grotesken Zerrbildern von Vorenthaltungen, welche unsere Wahrnehmung und Bedeutung von Körpern als Leerstellen seit je her bevölkern.
Als Vorlage für die Serie »Like Models« dienen Caroline Heider vorgefundene Posen aus kommerziellen Kontexten der Modefotografie, welche von Personen nachinszeniert wurden. Und ähnlich wie in Jemima Stehlis Polaroids »mm«, rücken auch hier stereotypisierte Gesten in das Blickfeld der BetrachterIn. Während Stehli sich jedoch jener etablierten Mittel bedient, durch welche fetischistische Klischees am Ort weiblicher Körper eingeschrieben und reproduziert werden und diese im Bildraum vor und auf den Spiegeln re-inszeniert, greift Heider durch Faltungen in ihre eigene Werk-Körper ein, um den Bild-Körper als Fetisch des Blickes vorzuführen.

Jemima Stehlis eigener weiblicher Körper wird in »After Helmut Newton’s ‚Here They Come’« einer obsessiven Fixierung im Bild unterzogen, indem sie sich in Analogie mit Helmut Newton’s berühmter Foto-Serie selbst zum Material von Wiederholungen macht. Anders jedoch als das Original, konzentriert sich die Aufmerksamkeit hier nicht auf die Darstellung einer „phallischen Frau“ als Fantasieobjekt, sondern auf ihre Urheberschaft als Frau. (Barry Schwabsky) In direkten Zusammenhang mit dieser Arbeit entstand Caroline Heiders aktuelle Serie »Jemima Stehli – Orange«, »Jemima Stehli – Red«  und »Jemima Stehli, After Newton’s Here They Come II, S. 28«. Ausgehend von Reproduktionen aus Stehlis Werken führen Heider’s Interventionen zu Neudefinitionen der Serie. Historisch gewordene Gesten der Repräsentation finden in dieser Ausstellung somit ihren eigenen individuellen, künstlerischen Ausdruck, der sich im Begehren nach den Bildobjekten unendlich fortschreiben lässt.

Die Werke von Caroline Heider und Jemima Stehli sprechen in »Der Verschollene: Bodies of Work« von einer möglichen Subjektivität, die erst durch das Bild entsteht, im Bild vergeht und doch in ihm fortbesteht.

Käthe Hager von Strobele