Galerie Raum mit Licht

 

CLAUDIA LARCHER & HUBERT LOBNIG

»IN RELATION TO PLACES AND TIME«

Eröffnung: Mittwoch, 14. Jänner 2015 von 19 bis 21 Uhr,
Ausstellungsdauer: 15. Jänner – 28. Februar 2015

Image © Hubert Lobnig (2011)
In der Dialogausstellung „In Relation to Places and Time“ treffen mit Claudia Larcher und Hubert Lobnig zwei künstlerische Positionen aufeinander, die sich in ihrem Verständnis zur Veränderlichkeit räumlicher und architektonischer Körper, und folglich auch in der Rezeption ebendieser ergänzen.

Claudia Larcher zeigt in der gemeinsamen Schau mehrere Collagen, die auf den Bildern aus jeweils einer Ausgabe unterschiedlicher Architekturzeitschriften basieren, wobei sie sich in der Dimensionierung am Ausgangsformat der verschiedenen Publikationen orientiert, und auch in der Setzung der Bilder zueinander deren ursprüngliche Seitenpositionen beibehält. Die menschenent-leerten architektonischen Motive erfüllen in ihrer künstlerischen Übersetzung jedoch nicht mehr den Zweck des kulturhistorischen Zeugnisses und damit einhergehend den Auftrag eines Archivs, sondern entwickeln umso stärkere intrinsische Relationen, welche den konstruierenden Blick fordern wie auch hinterfragen: In der räumlichen Schichtung der appropriativ erinnerten Architekturbilder wird die Arbeit der Künstlerin schließlich selbst zum Objekt. Dadurch weist sie – ausgehend von der Architektur – auf den konstruierenden fotografischen Blick gegenüber ebendieser hin, und zeigt damit eine Metaebene auf, wenn sie diese Architekturbildkonstrukte für die weitere konstruktive Verwendung freistellt, während sich der collagierte Bildkörper als solcher durch seine Verdichtung im Realraum artikuliert. Ähnliche Architekturcollagen finden sich in einer anderen Arbeit mit dem Titel „Panorama“, deren Form sich als hängendes Lichtobjekt identifizieren lässt: Analog dem Designgegenstand, auf welchen verwiesen wird, bricht sich in dessen Schirm Licht in der applizierten Collage, wodurch der Innenraum durch die Maske des konstruierten Außenraumes wahrgenommen werden kann, um auf die Präsenz der nach Innen geholten Außenarchitektur hinzuweisen – sowohl in der Maskierung des Schirmes gleich einem umgekehrten Diorama, als auch in der Verschränkung mit dem konkreten Objekt. Derart wird durch die Künstlerin privater Galerieraum in seiner subjektorientierten Rezeption polyvalent als öffentlicher Raum besetzt, wenn die Idee des Innenlichtes nicht nur in seiner ursprünglichen Form, sondern auch in seiner künstlerischen Übersteigerung zur Signifikante der Außenwelt wird.
Weiters zeigt Claudia Larcher das Video „Vier Skizzen für ein Stiegenhaus“, welches im Rahmen ihrer Austellung im „weissen haus“ Wien entstanden ist. Wie auch sonst tastet sie Architektur mit der Kamera ab, um diese im Bild teils aus dem Hintergrund herauszulösen, gemäß den Erfahrungen im Realraum des Gebäudes neu zu kombinieren, und schließlich zu animieren. Der Begriff des bewegten Bildes darf hier wörtlich verstanden werden, denn die suggerierten Kamerafahrten sind nämlich keine, sondern digital montierte Einzelfotos, die im Treppenhaus aufgenommen wurden. Wenn das bildtopologische Verhältnis bestimmend ist für die Konstruktion der Architekturcollagen, so ist die Montage ihr zeitliches Gegenstück: Diese versteht sich nicht als Setzung verschiedener Schnitte, sondern generiert sich durch die Animation der Bilder im Video selbst, und wird dabei durch die Verwendung eines unechten Laufbildes unterstrichen, wodurch die zeitliche Lesbarkeit der Architektur erst möglich gemacht wird – ohne die Methoden des Films kopieren zu wollen. Das Treppenhaus als Ort des Übergangs fügt sich somit motivisch in die formal schnittfreie Montage der Einzelbilder, und liefert gleichzeitig den gegenseitigen Dreh- und Angelpunkt für beide Künstler.
Hubert Lobnig greift in seiner Arbeit „Die Treppe“ selbiges Motiv auf, wenngleich er dieses in seiner Videoinstallation anders umsetzt. Das Video zeigt den Künstler, während er das Treppenhaus hinabgeht, und wird auf eine frei im Raum stehende Videowand – bestehend aus zwei hintereinander liegenden Glaspaneelen – projiziert. Diesen ist ein Raster aus neun Feldern eingeschrieben, deren Projektionsflächen abwechselnd zwischen vorderer und hinterer Ebene durch am Glas angebrachte transparente Folien changieren und sich gegenseitig ergänzen. Das Videovollbild erfährt in Folge eine Fragmentierung in zwei Ebenen und unterschiedliche Felder, die uns an Pächts Topos des diskontinuierlichen Raumes denken lassen, der durch Schranken und Begrenzungen, sowie durch die Vermeidung eines Verlaufs innerhalb des Bildes überhaupt erst zum Raum wird. Doch nicht nur die Diskontinuität der gestuften Treppe wird installativ übersetzt: Das Bild selbst folgt dem fragmentarischen formal-ästhetischen Impetus, wenn das Vollbildvideo mehreren kleineren Kadern weicht, die deckungsgleich mit den einzelnen Projektionsfeldern sind, wobei die Videospuren zu unterschiedlichen Zeiten starten, sich wiederholen oder aber auch – bedingt durch den Austrittswinkel der Projektion – auf der Rückseite überlagern. Jene Überlagerungen und zeitlichen Überschneidungen tragen nicht nur zur räumlichen Konstitution der Installation als Übersetzung der Treppe bei, sondern diese sind auch akustisch erfahrbar: Durch das Hinabsteigen über die einzelnen Stufen wird in der Polyphonie der Schritte, die in den Videospuren zu hören sind, der Begriff des Resonanzraumes beansprucht, der sich in seiner Deutung mehr dem Realraum als den Metaebenen zuwendet. Unterstrichen wird dies durch die Verwendung des Motives selbst als Verankerung im Raum, denn zu sehen ist ausschließlich der Weg des Künstlers nach unten – ist doch die Treppe im westlichen Kulturkreis symbolisch mit dem Weg zur Transzendenz besetzt. Es wird somit die Dekonstruktion des bewegten Bildes und seiner zeitlichen Ebenen zu Gunsten des Raumes durch den Künstler vor Augen geführt, wenn die zentripedalen Kräfte des – sonst kulturhistorisch ambivalent lesbaren – Rasters den inneren Bruch im System der Zeit bestätigen.
Eine weitere Arbeit, die Hubert Lobnig zeigt, entstand während seines mehrmonatigen New York Aufenthaltes, bei dem der Künstler die Möglichkeit hatte über längere Zeit solitäre Szenen und Interaktionen – wenn auch verboten – auf den Dächern der Stadt mit dem Blick durch die Kamera zu beobachten. Schornsteine, Antennen und Abluftsysteme bilden eine miniaturisierte Stadtlandschaft im Kleinen, deren Modellhaftigkeit durch die weiten Flachdächer noch stärker betont wird. Diese Flächigkeit liegt zu einem hohen Maß in der Farbgebung selbst begründet, denn die Dächer sind zur Kühlung der Gebäude einheitlich in Silberlackfarbe gestrichen, was den Raum in den schwarz-weiß gehaltenen Fotografien noch mehr verflachen lässt, und schließlich die Referenz zu jener silberfarbenen Malerei herstellt, welche zeitgleich mit den Fotografien entstanden ist. Abermals ist es sein diskontinuierlicher Blick, der das Dach nicht einfach als solches wahrnimmt, sondern welcher beginnt Architektur ins Detail zu zerlegen.
Die Dekonstruktion von Architektur findet in Hubert Lobnigs Einzelbildern somit ebenso statt wie in seiner Videoinstallation, in welcher zeitliche Brüche akzentuiert werden, um die Körperhaftigkeit und Präsenz des Raumes und den Menschen, der diesen bewohnt, fassen zu können, während Claudia Larcher mit ihrem motivischen Gegenstück eine Metaebene des Bewegtbildes beschreibt, welches sich dem menschlichen Subjekt – ebenso wie in ihren Collagen – nur noch semiotisch annähert.

Text. Andreas Müller