Galerie Raum mit Licht

 

curated by 20_Heidrun Rosenberg

Vernissage: Samstag, 05.09. von 11 – 19, Sonntag, 06.09. von 12 – 17
Ausstellungsdauer: 06.09. – 23.10. 2020

HYBRID

Es waren Biologen, wie Gregor Mendel (1822-1884), die den Begriff des Hybriden im 19. Jh. prägten. Als hybrid wurden Organismen bezeichnet, deren Eltern von unerschiedlicher Art waren. Die Bildgeschichte der Zwitterwesen reicht jedoch viel länger zurück. Schon seit frühesten Zeiten scheint sich menschliche Imagination in der Kreation von Körperphantasmen geübt zu haben, die Widersprüchlichem Gestalt verleihen. Was diese Wesen auszeichnet, ist ein abnormer Körper. In ihm verwachsen gegensätzliche Potentiale nahtlos zu einer schillernden Identität. Mit Hybridwesen dieser Art haben sich verschiedene Kulturen Projektionsflächen für uneinschätzbar Zweideutiges geschaffen. In ihrer Dualität widerstandsfähiger und mächtiger als der Mensch, gelten sie in der Mythologie als Träger mysteriöser Stärke.
Im Kontext postkolonialer Debatten und der sich zeitgleich vollziehenden digitalen Revolution haben sich Bedeutung und Bilder des Hybriden fundamental verändert und erweitert. Homi Bhabha (* 1949 Mumbai) löste den Begriff von seiner Bindung an Biologie und Körper und übertrug ihn auf Felder des Ethnischen und Kulturellen. Unter diesen neuen Perspektivierungen lieferte die Idee des ursprünglich eher furchteinflössenden Hybriden ein positives Modell, um einen intermediären Raum zu denken, in dem eine hierarchielose Koexistenz von Menschen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Prägung möglich wird. „Man kann sagen“, so äußerte sich 1991 der puertoricanische Künstler Papo Colo (* 1946 San Juan) , „daß der hybride Zustand jemanden vom postkolonialen Zustand befreit.“ Hybride Identität bedeutet heute, dass sich eine Person selbstverständlich zwei oder mehreren kulturellen Räumen ohne Unterschied zugehörig fühlen kann. Doch mehr noch, das Erleben von Situationen, in denen sich narrationslos ein Nebeneinander von Unvereinbarem auftut, ist zur Signatur aktueller Alltagserfahrung geworden. Viceversa ist das Hybridwesen zum Lieblingskind digitaler Bilderzeugung geworden.
[HR 04/2020]

Heidrun Rosenberg studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in München und Berlin. Neben freier Tätigkeit im Ausstellungsbereich, dem Verfassen von Texten im Kunstbereich und der Mitwirkung an verschiedenen universitären Drittmittelprojekten hatte sie Lehraufträge an den Universitäten Freiburg und Wien. 2015 kuratierte sie die Jubiläumsausstellung: „Wien 1365 - eine Universität entsteht“, die vom 06.03. bis 03.05.2015 im Prunksaal der Nationalbibliothek gezeigt wurde.