Galerie Raum mit Licht

 

EDGAR LISSEL

»PASSAGEN«

Eröffnung: Mittwoch 18. Jänner 2012, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 19. Jänner - 3. März 2012

Edgar Lissels  »Passagen« (2009 – 2011) setzen den Prozess, der in seiner Werkgruppe »Sphaera Incognita« (2006 – 2008) bildgebend war, quasi „innenräumlich“ fort . War sein Hauptaugenmerk bislang auf die Untersuchung von Raumphänomenen unter naturwissenschaftlichen, bildwissenschaftlichen und kulturhistorischen Aspekten gerichtet, eröffneten sich ihm im Laufe der aktuellen Arbeit  die „Weltinnenräume“ des Psychischen. Auf die Spur gebracht wurde Edgar Lissel im Erforschen der reichen Bilderwelt des antiken Mithras-Kultes, dessen Wurzeln bis in das 14. Jahrhundert vor Christus zurückreichen. Die initiale Inspiration erfuhr er durch  gegenwärtige Theorien über den Mysterienkult, in denen die Kultbilder weniger als Abbildungen äußerer Phänomene wie kosmologische Projektionen interpretiert, sondern als Ausdruck psychischer Manifestationen in der Entfaltung des menschlichen Wahrnehmungsvermögens und der dazugehörigen Ausdehnung des seelischen Raumes empfunden und verstanden werden.
Diese Thesen korrespondieren mit jenen aus dem natalen Raum, die besagen, dass sich Erfahrungen und Erinnerungen aus dem vorgeburtlichen Sein, dem Geburtsvorgang und den ersten nachgeburtlichen Monaten als  „existenziellen Tätowierungen“ in unser Unterbewusstsein einschreiben. Im nächsten Übergang, in dem das Neugeborene beginnt, seine Umwelt optisch wahrzunehmen und sein Sehvermögen zu schärfen, bezeichnet als „optische Öffnung“, setzt ein unbewusster schöpferischer Prozess ein, indem die inneren und äußeren Bilder in Beziehung treten und sich mischen. Die Erfahrungen aus diesem Prozess sind prägend für die kreative Bildproduktion und  –wahrnehmung.

Aus dieser Faszination heraus entstand Bild für Bild der „Passagen“, die eine Mischung aus kognitiven und meditativen Vorgängen im Erkennen und Empfinden der möglichen Beziehungen und Abhängigkeiten von antik-archaischer Bildwelt, Unterbewusstsein und Bildverständnis zeigen und denen es gelingt, die Trennung zwischen Innen und Außen, Mythos und Logos, Leib und Seele zu unterwandern. Die Visualisierung dieses Schaffensprozesses lädt den Betrachter zu einem partizipierenden Schauen und einem lebendigen Kontakt, der eigene, innere Bilder aus dem Unterbewusstsein hervorrufen kann und durch die resonante Berührung eine Sphäre von individuell- gemeinsamen Erlebens schafft. Durch diese „Passagen“ tritt uns der Versuch entgegen, das künstlerische Objekt in lebendigen Austausch mit dem betrachtenden Subjekt zu bringen und daran zu erinnern, dass uns die Welt nicht nur gegenüberliegt, sondern sich geheimnisvoll in uns, mit uns in einem stetigen schöpferischen Verwandlungsprozess verbindet.

Der Zyklus »Passagen« umfasst Fotografien und mehrere Filmographien von je etwa drei Minuten, die verschiedenen Übergängen der menschlichen Entwicklung nachempfunden sind. In einer dieser filmisch getakteten Bildfolge wird die Durchdringung eines Erdstalls, einer von Menschenhand geschaffenen Erdhöhle mystischen Ursprungs gezeigt und evoziert fast zwingend die Assoziation und die Körpererinnerung mit dem elementaren Erlebnis der Passage durch den Geburtskanal.
In einer anderen scheint die abgebildete menschliche Figur mit den sie umfließenden Elementen eins zu werden. Die geistige wie körperliche Durchdringung und Verschmelzung des Außen und Innen wird zu einer Einheit und rührt an die frühkindliche Totalitätserfahrung, in der wir uns noch eins mit der uns umgebenden Welt wähnten.

In den Fotografien werden eingeschriebene Spuren zum Bild. Ein Detail von einem Antlitz einer antiken weiblichen wie männlichen Skulptur verführt zur Berührung. Die Oberflächenspuren im Stein wirken wie Widerspiegelungen unserer eigenen seelischen Einschreibungen. Aus den versteinerten Spuren der Wellenbewegung in einem Gewässer – Jahrtausende zurückliegend – rauschen Erinnerungen auf an das vorgeburtliche Element, dem wir alle entstammen und das uns bewegt.
 
Claudia Weinzierl

http://www.edgarlissel.de/