Galerie Raum mit Licht

 

Ernst Koslitsch

We have to move the island

Vernissage: 07.03. 16.00 – 18:00
Ausstellungsdauer: 10.03. – 17.04.2020


Zur Eindämmung des COVID19-Virus bleibt Raum mit Licht vorerst geschlossen. Alle geplanten Veranstaltungen werden abgesagt.

Image © Ernst Koslitsch Studio

Ernst Koslitsch beantwortete mir einige Fragen zu seiner kommenden Ausstellung: „We have to move the island“ in der Galerie Raum mit Licht!

 

Ernsthaft, ist das dein Ausstellungstitel? Wir sollten zuerst mit deinem Namen beginnen! Wie ernst bist du wirklich?“ „Todernst“ (mit einem Lächeln) beginnt Ernst Koslitsch zu erzählen:

Der Name Ernst ist ein sehr alter deutscher Name und wurde schon 1069 das erste Mal erwähnt. Er bedeutete damals der Willensstarke oder der Entschlossene. Mein Vater hat denselben Vornamen. Außerdem haben wir am selben Tag Geburtstag. Es war für meine Eltern naheliegend, dass sie mir denselben Namen gaben, obwohl er schon Ende der 50er-Jahre aus der Mode kam.

Als ich älter wurde, lernte ich meinen Vornamen zu schätzen und spielte auch damit herum. Es begann mit meiner lustigen E-Mail-Adresse: ernsthaft@gmx.at.

Mit meiner E-Mail zaubere ich auch trockenen Bürokraten ein Lächeln ins Gesicht. Ich schätze, das liegt daran, dass ich mit meinem langen, wirren Haar, dem langen dunkelbraunen, weiß gesprenkelten Bart und den lachenden Augen alles andere als ernst aussehe.

Spannend wird es, wenn ich meinen Namen ins Englische übersetze. Als Beispiel verwende ich gern Oscars Wildes Stück „Die Wichtigkeit, Ernst zu sein“ (The importance of being earnest). In Wildes Komödie schlüpfen die Protagonisten in die Rolle fiktiver Personen, um den alltäglichen sozialen Belastungen und Verpflichtungen zu entkommen.

„We have to move the island“ – erklär uns, wie du zu diesem Titel gekommen bist.

Der Titel basiert auf der TV-Serie Lost (die leider das schlechteste Ende aller Zeiten hat). Star Trek und Science-Fiction im Allgemeinen haben einen hohen Stellenwert in meinem Leben und das gilt auch für die TV-Mystery-Serie Lost. In der Lost-Episode namens Cabin Fever erzählt Locke, eine der Hauptfiguren, seinen Gefährten Ben und Hurley, dass sie die Insel bewegen müssen, um sie zu retten!

So fühle ich mich gerade! Ich habe die letzten neun Jahre auf einer Insel verbracht: Arbeitsbereich, Schule, Ausstellungen, Essen, Einkaufen und Freunde, alles auf einer Fläche von der Größe einer kleiner Insel.

Mein Atelier, das einer Insel gleichkommt, befindet sich am Aumannplatz im 18. Wiener Gemeindebezirk. Es ergab sich, dass ich dort viele unterschiedliche Menschen kennenlernte.

Ich traf Anwälte, die an Außerirdische glauben, Trekkie-Astrophysiker, Leute, die mit Geistern in Kontakt gekommen sind, Männer in Anzügen, die mit mir über alle möglichen Verschwörungstheorien sprachen, und Krypto-Spezialisten, die versuchten, die Finanzwelt zu verändern.

Für mich ist dieser Raum vergleichbar mit einer Blase, die vom täglichen Leben genährt wird und gleichzeitig hermetisch abgeschlossen ist. Sie verliert zunehmend ihren inspirierenden Touch. Um weiter wachsen zu können, muss ich sie bewegen, sie woanders hinbringen oder die Möglichkeiten schaffen, dass Menschen zu mir kommen!

Um zum Ausstellungstitel zurückzukommen:J. J. Abrams ist nicht nur der Regisseur, der Science-Fiction-Fernsehserien wie Lost, Star Trek und die Star Wars-Filme produziert hat, er ist ein Visionär mit einem brillanten Verstand, der die Welt in ihrer Komplexität sieht und daraus eine weitere vollständige Welt in all ihrer Vielschichtigkeit erschaffen kann.

Das beste Beispiel ist das Buch Das Schiff des Theseus, das Abrams gemeinsam mit Doug Dorst entwickelt hat. Es ist eine verspielter und raffinierter Roman mit mehrstimmig ineinander verschachtelten Geschichten. Im Buch geht es auch um das Thema Identität. Weiters berührt es die Frage, ob ein Gegenstand seine Identität verliert, wenn viele oder gar alle seine Einzelteile nacheinander ausgetauscht werden. Im Allgemeinen wird das Buch als kleines Kunstwerk, als literarisches Experiment und Ausdruck der Liebe zu einem physischen Buch gesehen!

Es gibt viele Parallelen zu mir und den konstruierten Mythologien in meiner Welt: In Yellow Universe konstruiere ich fiktive erweiterbare Welten aus einer Mischung von Vertrautem und Geheimnisvollem, voller Rätsel und Abweichungen.

Wie man ein Universum aufbaut, das in zwei Tagen nicht auseinanderfällt

Ich habe Philip K. Dick, als ich jung war, entdeckt. Ich liebe seine Bücher – „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ Der Mann im hohen Schloss“ und Der Minderheiten-Bericht“  sind einige seiner bekanntesten Bücher, die später in Filme und Serien umgewandelt wurden.

Da meine Welt klassisch, chaotisch und sehr spontan ist, fühlte ich mich von Philip K. Dicks Welten angezogen. Er schuf gerne Welten, die auseinanderfallen, um zeigen zu können, wie sich seine Charaktere verändern und an die veränderten Bedingungen anpassen. Dieses Schema ist auch in meiner Arbeit erkennbar.

2007, einige Monate vor der Geburt meines Sohnes, fand ich heraus, das der Titel „How to construct a universe that doesn’t fall apart two days later“, in einer Ausstellung während der Kunstmesse Frieze gezeigt wurde.

Dieser Umstand hat mich gezwungen, diesen großartigen Titel beiseitezulegen. In vielerlei Hinsicht hatte der Künstler, der ich damals war, Angst davor, verglichen oder als Nachahmer bezeichnet zu werden. Das interessiert mich nicht mehr! Wenn man so will, blockiert dieses Mindset den Künstler schon im Vorfeld seiner eigentlichen künstlerischen Arbeit! Ich finde, wir sind alle auf so vielen Ebenen, nun auch virtuell, verbunden und beeinflusst, bewusst oder unbewusst

Wenn mich jemand mit einem anderen Künstler vergleicht, bin ich geschmeichelt, nicht verletzt. Ich weiß, was mich ausmacht und sehe mich in meiner Arbeit. Das erkennt man in meiner Arbeit und weiß gleichzeitig, wo der Ursprung liegt. Das ist für mich das Wichtigste.

Ich kann mich nicht davon abhalten, etwas zu malen oder zu bauen, nur weil es der Kunst eines anderen ähneln könnte. So mache ich nicht Kunst. Ich stehe vor meinen Holzstücken oder meiner Leinwand und dann will mein inneres Ich nach außen. Es geht mir darum, passende Fragen zu stellen und die besten Antworten zu finden!

Das ist ein evolutionärer künstlerischer Ansatz … Mich weiterzuentwickeln und zu verbessern bringt meiner künstlerischen Praxis einen Mehrwert.

Welten bauen:

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man eigene Welten erschaffen kann.

Bill Gates und Steve Jobs öffneten Türen zu einer riesigen neuen Welt.

Der Autor J. R. R. Tolkien schuf eine Welt auf Papier, die unsere Fantasie beflügelt. Diese Welten sind alle miteinander verwoben und inter-inspirativ.

Ron Hubbard ist ein Paradebeispiel  dafür. Er gründete eine Religion mit über 40.000 Anhängern, die auf seinen Science-Fiction-Romanen basiert.

Egal, welchen Erzähler man auswählt, oder ob man selbst Erzähler der Geschichte wird, wir sehen immer eine Verbindung oder können uns in der Geschichte wiedererkennen. Wir bekommen, wenn man so will, Antworten und verstehen auf diese Weise die Welt, in der wir leben, besser.

Für mich war und ist Star Trek eine Quelle der Inspiration:

Gene Roddenberry (Star Trek) schuf eine futuristische Welt für den Fernsehbildschirm und für das Wohnzimmer, die über Jahrzehnte Menschen beeinflusste und nach wie vor beeinflusst. Die Hauptdarsteller von Star Trek, William Shatner und Leonard Nimoy als Spock, waren Testimonials für die NASA. Auch Uhura, der weibliche Brückenoffizier der Enterprise, spielte eine Rolle für die NASA, indem sie junge Frauen dafür begeisterte, in die Wissenschaft zu gehen.

Über die Jahre hat Science-Fiction, wie etwa die ursprüngliche Star-Trek-Serie in den 1960er-Jahren, eine wichtige Rolle in unserer Entwicklung gespielt und als Vorbild für eine bessere Welt gedient. Steve Wozniak, einer der Apple-Gründer, ist ein großer Star-Trek-Fan.

Roddenberry benutzte als Kulisse das Raumschiff Enterprise, das er viele Jahre in der Zukunft ansiedelte, um eine Geschichte über uns Menschen zu erzählen. Er nahm Stellung zu sozialen, politischen und gesellschaftlichen Fragen der 1960er-Jahre in Amerika. Neben Sexismus, Rassismus, Nationalismus und dem Kalten Krieg ging es auch um Gleichberechtigung, soziale Ungerechtigkeit und eine Gesellschaft ohne Zahlungsmittel!

Seine Geschichten behandeln somit soziale, politische, philosophische und ethische Probleme.

Die Crew der Enterprise bestand aus einem komplizierten Alien (Mr. Spock) und unterschiedlichen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe. Jeder an Bord des Raumschiffs war gleichberechtigt und in keiner Weise benachteiligt. Einer der Führungsoffiziere war ein Russe, und das zur Zeit des Kalten Krieges, zwischen den USA und der Sowjetunion. Kult wurde und wegweisend war der Kuss zwischen Captain Kirk und der Afrikanerin Uhura.

Heute erschaffen wir Welten in noch kleinerem Maßstab. Mithilfe der Werkzeuge Internet und Social Media können unsere Welten Einfluss in globalem Maßstab haben. Hier kann man alle Arten von Welten bauen, fiktive oder reale, Fake-News oder erfundene Wahrheiten teilen.

Das ist die Matrix, die mich fasziniert und interessiert.

Wenn deine kommende Ausstellung eine Netflix-Miniserie wäre, was für eine Serie wäre das?

Zunächst würde ich sagen, dass eine Miniserie niemals in der Lage wäre, über das Ganze zu erzählen. Ich stelle mir eine Fernsehserie mit mindestens sieben Staffeln vor. Auch wenn ich Soaps hasse, würde ich mich wahrscheinlich in dieser Kategorie einordnen. Ich könnte in diesem Genre mehr Zuschauer erreichen als in jeder anderen Kategorie und mit Sicherheit mehr als in einer Dokumentation über mich als Künstler! Es wäre fiktiv und realistisch, einschließlich Drama und Emotionen.

Ich wäre der Hauptdarsteller. Der Soundtrack käme von Daft Punk. Jede Episode würde von einem anderen Regisseur gestaltet. Ich würde Regisseure vorschlagen, die Welten erschaffen haben, wie Peter Weirs, Michel Gondry, Paul Verhoeven, Lana und Lilly Wachowski, David Paul Cronenberg u. v. w.

Eine nichtlineare und vielschichtige Geschichte, ohne klassischen Anfang und starres Ende. Hollywood-Enden sind lahm, etwas Rätselhaftes muss bleiben.

Die Nebendarsteller würden sich aus Menschen zusammensetzen, die mich in der Vergangenheit und der Gegenwart beeinflusst und begleitet haben. Es würde in meinem gelben Universum stattfinden, einem Flachland namens Yellow Universe. Es würde sich ständig verändern und erweitern, nicht zuletzt durch Skulpturen, Bilder und Zeichnungen.

Die Episoden hätten Namen wie: 1. Erfundene Wahrheiten, 2. Flatland, 3. Ernst Koslitsch – A lost-in-space oddity – 2020, 4. Träume von elektrischen Schafen, 5. Die dunkle Seite des Mondes,6. Die Suche nach Mr. Spock, 7. ExistenZ …

 

Dominique Foertig, 2020


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