Galerie Raum mit Licht

 

ERNST KOSLITSCH

»UNDER CONSTRUCTION«

Eröffnung: Mittwoch 9. September 2009, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 10. September - 29.Oktober 2009


Imaginierte Räume

Die Modelle von Ernst Koslitsch öffnen den Blick in heimliche Welten, in intime Räume. Sie regen an, Wahrnehmung zu reflektieren und formen Assoziationen auf mehreren Ebenen, auf Plateaus, der Vielschichtigkeit der Raumwahrnehmung entsprechend. Zunächst ist es die Poetik der Modelle, in der Wohnhäuser, Möbel, Wohnungen, öffentlicher Umräume des Wohnens in verschiedenen Formaten hervorgebracht werden. Eine zweite poetische Ebene ist die des fotografischen Bildes, das mehr als ein Ab-bild des Modells ist und eine eigene Wirklichkeit der modellierten und imaginierten Räume hervorbringt.

Die Modelle des Wohnens zeigen die Bedingtheit des Menschen, die „conditio humanae“: Dinge, die seine Bedingtheit ausmachen. Nicht nur die Gegenstände des Wohnens, des Lebens und des Spiels, sondern das Haus und die Wohnung selbst sind Dinge. Wir hausen in solchen Dingen, sind von ihnen behaust und werden von ihnen mit einer Ordnung bedacht. Die Menschen machen die Dinge, aber „sie machen sie nicht aus freien Stücken“ (Karl Marx). Und die Modelle der Dinge weisen uns darauf hin, dass die Dinge unser Leben formen, zugespitzt: dass die Dinge uns Menschen machen. Die Form und Funktion der Wohnungen und Häuser geben den Rahmen vor, in dem wir leben und handeln, in dem wir uns bewegen und miteinander umgehen. Wir funktionieren, indem wir der Funktion der Dinge folgen. Das Außen und das Innen, die Grundrisse von Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche ordnen unser Leben in verschiedene Welten, in öffentliche, teilöffentliche und in intime, private. Selbst dort, im Privaten und Intimen, scheinen wir standardisierte Leben zu führen, Leben nach Modell. Die Modelle öffnen die Innenräume für den Blick von außen, indem etwa eine Wand fehlt, ein Fenster übergroß dimensioniert ist. Sie nehmen der Behausung die Heimlichkeit und vollziehen damit etwas, das Vilem Flussér in seinen Gedanken zum nomadischen Menschen der Postmoderne ankündigt: „Das heile Haus mit Dach, Mauer, Fenster, Tür gibt es nur noch in Märchenbüchern.“1 Oder, an anderer Stelle und mit noch größerer Deutlichkeit, zeigt Koslitsch die bereits vollzogene Demolierung des Heimlichen, die Rückwand des Hauses fehlt: „Das heile Haus wurde zur Ruine, durch deren Risse der Wind der Kommunikation bläst.“2

Der Innenraum des Wohnens ist nach außen gekehrt, nicht nur der architektonische Formträger, die Außenwand, ist öffentlich und damit politisch, auch die Innenwand wird einsichtig und dem neugierigen medialen Auge zugänglich. Das Modell ent-birgt und ent-fremdet gleichzeitig: Es nimmt den Innenräumen das Fremde und macht sie zum Projektionsraum von Phantasien und Perversionen. Das Eindringen der medialen Kommunikation wird im fotografierten Modell evident: „Es zieht im Haus von allen Seiten, die Orkane der Medien sausen hindurch […]“.3

Das Modell ist ein poetischer Raum, eng mit dem Fernsehen verbunden. Ernst Koslitsch greift das Phänomen auf, dass Fernsehen in privates Leben eindringt, dass Soap-Operas und Tele-Novelas eigene Wirklichkeiten hervorbringen und sie als Entwürfe für unser Leben in den Häusern und Wohnungen anbieten.

Er führt unseren Blick in die Modelle, in das private Leben, das wir sowohl hinter den Mauern vermuten als auch imaginieren. Die mediale Konstruktion erlaubt eine Drehung der Wahrnehmungsrichtung: nicht aus dem Innenraum der Wohnung durch Fenster gefahrlos in die Welt schauen, sondern den Spieß umgedreht, von Außen in die Innenwelt blicken, eine Peep-Show der imaginierten Intimitäten, eine Vielfalt von Projektionen eigener Sehnsüchte und Phantasien in diese Innenwelt. Die Modelle ermöglichen – wie die Reality-Show im Fernsehen – den Blick der Öffentlichkeit in das Intime von Menschen.

Der fotografische Blick setzt das Modell noch einmal – und zwar auf einer anderen Ebene – in Szene. Das Foto dokumentiert das Konstruierte. Es ist fiktives Abbild einer fiktiven Realität, und wird aber gerade dadurch zu einer nicht-fiktiven Wirklichkeit. Das Foto wirkt, indem es der Wahrnehmung assoziative, imaginative Zugänge zum Modell öffnet und das Modell noch tiefer in die Imagination der Betrachtenden hineinrückt. Koslitsch wird damit zum Magier der Bilder: das doppelte Imago (im Wort Imago steckt ja auch die Magie), die doppelte mediale Brechung der Realität, zuerst im Modell, dann im Foto des Modells, zwingt zur emotionalen Konfrontation mit der sozialen Wirklichkeit von Raum. Ist es die Irritation des doppelt „Konstruierten“, die Licht auf unsere Projektionen und Phantasien wirft? Oder ist es die emotionale Wirkung der geschaffenen neuen Wirklichkeiten, wenn man Dinge „um die Ecke“ betrachtet, was wir nach Nietzsche den Künstlern „ablernen“ sollen?4 Wir sehen eben nicht nur das, was wir sehen wollen, sondern der Blick drängt sich auf, wirkt auf uns zurück. Er bemächtigt sich unseres Denkens und unserer Wahrnehmungsmuster, die auch dann wirksam sind, wenn wir nicht sehen wollen und versuchen, uns dem zu entziehen, was auf uns eindringt. Das Bild und seine Atmosphäre wirken auf uns; je stärker sie an eine Mauer stoßen, desto stärker emotionalisieren sie.

Unsere Wahrnehmungsmuster, die uns die Fotos, aber auch die Modelle selbst, erschließen, sind individuell, subjektiv geprägt, durch Erfahrungen in den jeweiligen individuellen Lebensräumen, auf die Modelle und Fotos verweisen. In immer stärkerem Ausmaß entstehen diese Wahrnehmungsmuster durch Bilder, durch medial vermittelte Räume, oft ununterscheidbar in der eigenen Reflexion. (Erinnert die Betrachtung eines Gebäudes an das Gebäude, in dem wir damals wohnten, oder erinnert es an die Betrachtung eines Fotos von eben diesem Gebäude?)

Neben der individuell eigenen gibt es eben die kollektiven, kulturell und zunehmend medial vermittelten Wahrnehmungsmuster, das kollektive Gedächtnis der postmodernen Gesellschaft. Es sind nicht mehr die gemeinsamen Erfahrungen in einer Gruppe von Menschen mit den „Steinen der Stadt“,5 mit Häusern und Monumenten, die wir gemeinsam erinnern, wenn wir von einer Stadt sprechen. Die Brunnen von Rom ebenso wie die Plattenbauten des Stadtteils Petržalka in Bratislava sind gespeicherte Bilder, ununterscheidbar von erfahrener Wirklichkeit sind sie Teile unserer gemeinsamen, kollektiven Bildwelt. Und so gehen die Bilder, die wir erinnern, die wir „abgespeichert“ haben, der Wahrnehmung voran.
Koslitsch weist uns auf diese gemeinsamen Wahrnehmungsmuster hin, auf die Bilder, die wir teilen, und auf die Emotionen, die in uns kollektiv mobilisierbar sind. Wie sehr sind wir doch gleichgeschaltet, wenn Modelle und Fotos von Raum-Modellen in uns gleiche Emotionen – kollektive Emotionen – auslösen?
Ernst Koslitsch hat mit seinen Modellen moderne Bühnenbilder geschaffen. Während Maquetten – Modelle für Bühnenbilder in Theater und Oper – Bühnenstücke zur Schau stellen, sind die Modelle von Koslitsch Maquetten für die Dramen des (post)modernen Lebens. Wir selber erleben uns auf diesen Bühnen. Ja, wir sind selbst unterwegs in diesen Modellen: „Our Town“, Ernst Koslitsch als „Stage-Manager“. Ist nicht die Galerie, in der die Modelle und Fotos ausgestellt sind, selbst die Bühne, auf der Kunst inszeniert wird? Und zwar „wirklicher“ – denn im Alltag der eigenen Lebensräume, in der Stadt, in den Wohnhäusern und in den Wohnungen anwesend zu sein, heißt nicht immer, dass wir auch mit unserer Wahrnehmung dort sind, eher sind wir mit der Wahrnehmung in den allgegenwärtigen medialen Bildern, die um uns und in uns sind, als vor-Ort.

Die Stadt ist heute nicht mehr das Ensemble der kollektiv erinnerten Steine, wie Halbwachs es vor beinahe hundert Jahren, als Foto und Film noch in den Kinderschuhen steckten, in seiner Theorie des kollektiven Gedächtnisses postulierte, sondern sie ist heute ein Spektakel der Bilder.

Die Modelle der Stadt und ihrer Gebäude verweisen auf erlebte und erfahrene Räume, in den Hintergrund gedrängt durch die Fotos und Filme, millionenfach allgegenwärtig in unserer Wahrnehmung. Filme der einsetzenden Postmoderne nehmen das Bildspektakel der Räume zum zentralen Thema, etwa Zabriskie Point von Michelangelo Antonioni. Das Haus explodiert tonlos, Dinge des Hauses, Möbel, Gegenstände des Alltagslebens werden in die Luft geschleudert, dazu Musik von Pink Floyd. Es sind Bilder, die die Wirklichkeit explodieren lassen.

Themroc, ein Film von Claude Faraldo, gedreht anfangs der 70er Jahre in den Banlieus von Paris, thematisiert die Revolte anhand des Bruchs mit standardisierten Lebensentwürfen. Die Hauptfigur bricht aus dem vorstrukturierten Alltag aus, wirft die Möbel aus dem Fenster und mauert den Balkon zur Wohnung hin ab. Er schafft eine Höhle, einen neuen ungeregelten, nach außen gerichteten Raum, in der er ein archaisches und anarchisches Leben verwirklicht, die Betrachter der Wirkung schockierender Bilder aussetzend.

Ernst Koslitschs Bilder, Modelle und Fotos, sind nur auf den ersten Blick weniger schockierend. Sich auf die Emotionen der „ver-rückten“ Räume einlassend, etwa auf das Haus am Küchentisch, zieht eine radikale Infragestellung unserer Lebensräume nach sich. Wir sind konfrontiert mit den bildhaften Konstruktionen unserer räumlichen Realität und mit der Frage: „Wie wollen wir leben in einer Welt, in der sich die Bilder vor die Realität stellen?“


Gerhard Strohmeier 2009


1
Vilém Flussér, "Häuser bauen", in: ders., Von der Freiheit des Migranten, Berlin-Wien, 2007, S. 67.
2 Ebenda, S. 60.
3 Ebenda.
4 Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Leipzig 1990, S. 183: „Sich von den Dingen entfernen, bis man vieles von ihnen nicht mehr sieht und vieles hinzusehen muss, um sie noch zu sehen – oder die Dinge um die Ecke und wie in einem Ausschnitte sehen – oder sie so stellen, dass sie sich teilweise verstellen und nur perspektivische Durchblicke gestatten, […] das alles sollen wir den Künstlern ablernen.“
5 Maurice Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt a.M., 1985



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