Galerie Raum mit Licht

 

es geht um - curated by_Institut für Betrachtung

Pia Bergerbusch und Philipp Höning, Victor Burgin, Claudia Kugler, Robert Lettner, Olena Newkryta

Vernissage: 12.09.2019
Ausstellungsdauer: 13.09 - 25.09.2019

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© Victor Burgin, courtesy Galerie Thomas Zander, Köln
Victor Burgin »King Road« (1974-84)


es geht um

Zirkulation heißt das Zauberwort, für deren reibungslosen Ablauf Kunst nur einen Schauplatz unter vielen ist. Wer sich progressiv weiß und dennoch künstlerisch tätig sein will, dem ist Zirkulation zugleich Einsatz und Output, Voraussetzung und Ergebnis. Der bevorzugte Ort ihrer (Re-)Produktion ist dort, wo Soziales nur mehr ein Effekt von Digitalisierung ist und ihr Wert nur statistisch zählt. Wo längst „alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht“ wurde, brauchen wir uns nicht mehr die Augen zu reiben.

Wozu sollte Kunst gut sein, wenn nicht als konzentrierte Widerspiegelung herrschender Verhältnisse? Als Destillat soll sie ‚reinen Wein‘ einschenken und dennoch werden – selbsttrunken – ihre realen Voraussetzungen und Auswirkungen vergessen. Wer – Frage an die Geschichte! – braucht schon Perspektiven? Es gibt genug Geister in Flaschen. Gespenstisch bewegen sich, was einst als wirklich, ‚real’ galt und das tatsächlich ‚Faktische‘ auseinander. Das viel beschworene ‚Post-Faktische‘ schafft Fakten. Diese sind Effekte mit ‚realen’ Auslösern und ‚realer’ Wirkungen, die allzu oft übergangen werden. Keine Cloud ohne Farm. Kein Bot ohne Spott.

Gespenster haben Konjunktur: gute Geister wie böse Monster, denen zu trauen oder die es als Spuk zu entlarven gilt. Ihre finsteren Absichten wollen enttarnt und gebannt werden. Um die Schrecken zu vertreiben noch bevor sie erscheinen, ist jedes Mittel recht. Wie der zum Geistern verurteilte Räuber im gleichnamigen Mickey Mouse-Abenteuer. Er ist zu wenig Spuk, um durch Wände zu gehen aber material genug, um mit seinem Säbel ein Radiogerät entzwei zu hauen, nur um festzustellen, dass das Gerät zwar spricht aber dennoch keiner drin sitzt. Eine Zerschlagung von Bau und Überbau wird zur paradoxen Geisterjagd. Die Gespenster der Gegenwart sind verkorkst. Geisterjäger sind von ihren Geistern besessen.

Dies hat schon länger auch die Bilder unter Druck gebracht, die speziell in der Domäne der Kunst ein Schattendasein fristen. Äußerste Anstrengungen der Selbstaufklärung von „Kunst als Kunst“ lassen sie kaum mehr ‚gesehen’, geschweige denn ‚erkannt’ werden. Wo ihnen zu viel Macht zugeschrieben wird, kehrt ihr gebannter Zauber als Ohnmacht gegenüber ‚allem Anderen‘ wieder. Bildermacht heißt eines der verkorksten Konzepte, die Macht zuweisen, wo keine Kunst und kein Bild sondern schierer Quotendruck zirkuliert. Wo hingegen Kunst und Bild nur noch als quantifizierende Faktoren einer halluzinierenden Mimesis der Macht gelten oder als Sprachrohr von etwas unterdrücktem ‚Anderen‘ herhalten müssen, täuschen sie erneut hinweg über ihre ‚realen’ Bedingungen – materiale Einsätze, Arbeit, Organisation, Verteilung. Wer von Analyse, Kritik, möglichen Auswegen aus den verkorksten Verhältnissen – etwa durch ‚Kollektivierung’ oder Voodoo – spricht, wird von allen guten Geistern verlassen sein. Mehr als nur ein Gespenst geht um… Die ‚geistlose’ Angst vor ihnen ist tatsächlich monströs.


Text: Institut für Betrachtung (Wolfgang Brauneis, Hans-Jürgen Hafner, Thorsten Schneider), 2019