Galerie Raum mit Licht

 

HANS ANTON ROSE »PHOTOGRAPHIEN«

Vernissage: DIENSTAG 19. Juni 2007 VON 19.00 - 21.00
Ausstellungsdauer: 20.06 - 21.07.2007


Auf die Frage, warum er filmt, antwortet Wim Wenders mit einem Satz von Cézanne: "Die Dinge verschwinden. Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will". So beeilt sich - in aller Präzision und Gelassenheit zugleich - die Kamera von Hans Rose, um uns das Verschwinden der Dinge und das Ding des Verschwindens zu zeigen. Was sie - in aller Unfassbarkeit des Augenblicks - zu erfassen versucht, ist eine Art markierte Abwesenheit, eine Spur der Präsenz. Wofür sie sich- in aller Unentscheidbarkeit der Deutung - entscheidet, sind Projektionen eines beredeten Schweigens, einer versteckten Enthüllung. Der Blick durch ein offenes Fenster erhascht eine graziöse nackte Frauenfigur in der seltsamen Pose eines Flamingos. Ein ironischer Voyeurismus, der mehr verbirgt als er zeigt. D as vom Blick Eingefangene zeigt nicht nur das Abbild einer entblößten Frau, es offenbart auch etw as über den Bewohner dieser Wohnung. Die verschwindenden Dinge, die uns Roses Kamera in aller Potenzierung der Darstellungsebenen zu sehen gibt, sind oft bereits verfertigte, eingefangene Bilder - Werbeplakate, andere Photographien, Wegweiser, Schriftzüge, Graffiti etc., aber auch eine kleine Nische mit dem Rahmen eines fehlenden Bildes. Vielleicht weil das Ding des Verschwindens, das den Filmemacher Wenders den Maler Cézanne zitieren läßt und hier als eine Art Motto für die Kunst eines Photographen steht, ein Ding des zugleich Inter- und Intramedialen ist, der ineinander gefalteten, ineinander verschachtelten Ebenen der Darstellung und der Vorstellung. Indem die rostenden Fensterflügel d as Bild des Zimmers rahmen, in dem das Bild der Frau hängt, bilden sie eine Art säkularen Flügelaltar mit bröckelndem Verputz. Das Profane und das Erhabene in der Photographie von Hans Rose brechen und berühren einander ohne ineinander überzugehen. Und diese gebrochene Berührung ist das Bewegende in der Arbeit von Hans Rose, bewegend im doppelten Sinn. Egal, ob sie industrielle Ruinen, Straßenszenen am Rande der Existenz oder Bruchstücke menschlicher Gesichter im urbanen Kaleidoskop von Neapel sich ineinander mehrfach spiegeln läßt. Und es sind immer wieder eingefangene Reste, Abfälle, Trümmer, Scherben, die gerade dem verschwinden des Realen supplementär etw as hinzufügen, eine unerwartete Perspektive, ein erstaunliches Double, indem sie es am Verschwinden erhaschen. "Ich interessiere mich für Dinge, die unter dem Blick der Kamera wegrosten", sagt Hans Rose, indem er den rostenden Rahmen der Bilder bricht, um eine schwindende Präsenz zu markieren, die sich am Saum der Zeit immer schon versäumt haben wird.

Patric Eric Blaser