Galerie Raum mit Licht

 

IRIS ANDRASCHEK

ORDINAIRE BLAU

Vernissage: 25.Oktober 2016, 19–21 Uhr
Ausstellungsdauer: 27.Oktober–03.Dezember 2016

IRIS ANDRASCHEK zeigt in der Galerie „Raum mit Licht“ zum „Monat der Fotografie“ eine Reihe von Zeichnungen, die um die Möglichkeit der genauen Wiedergabe einer Realität kreisen - oder um deren Un-Möglichkeit. Mit feinem Strich, minutiös und gleichsam realistisch, sind auf halbtransparenten Folien einprägsame Gesichter und Köpfe wiedergegeben. Die Künstlerin hat deren markanten Züge durch Schriftzeichen oder Muster betont und damit die individuellen Gesichter verborgen. Jeweils in einer zweiten Zeichnung, auf einem weiteren Blatt legt sie um die Köpfe herum ein dichtes, filigran ausgearbeitetes Netz an Ornamenten und Arabesken, in deren stilisiertes Blattwerk Sätze aus Gesprächen mit den Porträtierten geflochten sind. In einigen Fotografien wiederholt sich das Verfahren der schichtweisen Bedeckung/Enthüllung. An die Fotoarbeiten sind, wie auch an manche der gezeichneten Blätter, zudem bestickte Tücher aus grober Seide geheftet.
Die Portraitzeichnungen und die Fotografien zeigen Menschen, die aus Aleppo in die Türkei geflüchtet sind , sowie ihre aktuelle Umgebung. Iris Andraschek hat ihr Ausstellung-Projekt auf der Grundlage ihrer Geschichte entwickelt.


ORDINAIRE BLAU 

Seife aus Aleppo, von seltsam archaischer Schönheit - schlichte grau-grüne Blöcke, deren Form die händische Herstellungsart sehen lässt, jeder einzelne mit einem verschlungenen Stempel versehen, stehen zu einer kleinen Pyramide gestapelt  in der Galerie. Iris Andraschek hat, einem Impuls folgend, im Frühjahr 2016 eine Reise von Istanbul an die syrisch-türkische Grenze unternommen um die aus Aleppo geflüchteten Bewahrer einer 1000 jährigen Tradition der Seifenherstellung kennenzulernen und den Prozess der Produktion mit zu verfolgen.
Im Raum II der Galerie  wird in dokumentarischen Videoaufnahmen die geheimnisvoll leuchtende, grüne Farbe des noch frischen Materials und der heikle Herstellungsprozess offenbar. Die Seife aus Olivenöl, Lorbeeröl und Soda stellt ein kostbares Kulturgut dar, die Wiederaufnahme ihrer Herstellung in prekärer Sicherheit bedeutet ein wenig, die Erstarrung aus den Verwüstungen des Kriegs abzuschütteln.
Iris Andraschek nimmt gerne das Konkrete einer Situation zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Hier sind dies eine unendlich verworrene politische Lage, Krieg, viel persönliches Leid und sehr provisorische Produktionsbedingungen. Auf die Vernichtung kultureller Identität verweisen die wenigen Bruchstücke von Mosaiken. Sie repräsentieren kostbare Mosaiken aus Hama, die geplündert/“looted“, nun unwiederbringlich als Hehler-Ware  ungezügelte Konsumgier befriedigen.
Tatsächlich tragen Flucht und Vertreibung häufig zum Transfer kultureller „Meme“ und künstlerischer Ausdrucksformen bei, deren Elemente verändern sich dabei jedoch unweigerlich. Dies gilt umso mehr für die Aneignung „fremder Schönheit“; die Faszination Orient war immer schon von Missverständnissen geprägt. Exemplarisch hierfür steht die Verwandlung eines chinesischen Motives aus Granatäpfeln und Pfirsichen aus der  Zeit der Ming-Dynastie, welches über die berühmten Kacheln aus Iznik im Osmanischen Reich Eingang fand in ein bekanntes Dekor von Meissner Porzellan. Es war nun ein „Zwiebel“ Muster, das titelgebende „Ordinaire Blau“, das Iris Andraschek aus Interesse an der Kunst der Ornamente für die Ausstellung gewählt hat.

Die Arabeske, eine stilisierte Blattranke, wurde seit der Antike in den Kulturen des vorderen Orients in mathematischer Präzision zur Virtuosität unendlicher Vielfalt entwickelt. Als Blattwerk bringt sie immer wieder neue Triebe hervor, als grafisches Muster oder abstrahierter Paradiesgarten ist sie ohne Anfang und Ende und keineswegs nur „bewegtes Beiwerk“. Aufgrund des islamischen Verbotes beseeltes Leben abzubilden, durchdringt das Ornament die orientalischen Kulturen in ihrer Tiefe und entwickelt eine indirekte Kunst des Zeigens. Diese umfasst alle Bereiche des künstlerischen Ausdrucks, von der Kalligrafie und Poesie bis zur Baukunst, die in jeder Kachel den Namen Allahs der Kontemplation darbietet. In der europäischen Kunst seit P. O. Runge hebt das Ornament auch den  Zwischenraum, das Nicht-Im-Bild-Gezeigte hervor.
Iris Andraschek nutzt nun  diese Qualität des indirekten Zeigens um die Menschen, die ihr auf ihrer Reise begegneten, zu portraitieren. Sie konnte dem alchemistischen Prozess der Seifenherstellung beiwohnen und sie konnte mit den Arbeitern sprechen, die mit ihren Familien vor der Zerstörung ihrer Heimat geflohen sind. Die Gesichter ihrer Gesprächspartner hält die Künstlerin in feinen Zeichnungen auf halb-transparenten Kunststoff-Folien fest. Sie scheinen von ihren Erfahrungen gezeichnet, zusätzlich liegen Muster und Schriftzeichen wie Carmouflage über ihren Zügen. Über diese Zeichnungen legt die Künstlerin dann eine weitere Schicht des milchigen Papiers, bezeichnet mit ausufernden Ornamenten und Ranken.  Das All-Over der Ornamentik bindet die isolierten Köpfen in eine Bildfläche, betont deren nicht-illusionistische Tiefe und zugleich das Fragmentierte der Darstellung. Manchen Blättern wird darüber hinaus ein besticktes Tuch aus grober Seide angeheftet. ( Die Künstlerin knüpft hier an ihr Verfahren in der Fotografie an , wo ihr z.B. verfremdende Filter dienen, die Einheit der Bildfläche zu betonen, indem sie diese in Frage stellen und optisch hintergehen.)
In die Ornamentik der Arabesken fügt Iris Andraschek Sätze und Gesprächsfetzten aus den Interviews, für uns lesbar in Englisch und doch wie eine weitere Ranke im Blattwerk versteckt. Die Funktion der Kalligrafie aufnehmend wird hier versucht, dem Nicht-Darstellbaren eine bildhafte Form zu geben. Gewalt erzeugt Sprachlosigkeit, dem über-großen Schrecken eine Form zu geben, bedeutet einen Schritt aus der Erstarrung zu tun.

Die Seife von Aleppo verdankt ihren Namen dem Lorbeeröl: „Daphne“, so hieß auch die Bergnymphe, die sich der Verfolgung durch Apollon, dem Gott einer neuen Zeit,  nur durch Verwandlung entziehen konnte. Bei Ovid heißt es :

„Hilf, Vater“, sagt sie, „wenn ihr Flüsse göttliche Macht habt!
Durch Verwandlung verdirb die Gestalt, mit der ich zu sehr gefiel!“
Kaum war die Bitte beendet, befällt schwere Taubheit die Glieder:
Die weichen Brüste werden von zarter Rinde umschlossen,
die Haare werden zu Laub, die Arme wachsen als Äste;
schon wird der flinke Fuß von trägen Wurzeln gehalten,
ein Wipfel verbirgt das Gesicht: Der Glanz allein bleibt.

Ovid, Metamorphosen 1, 545.553

Text: Daniela Hölzl