Galerie Raum mit Licht

 

JEMIMA STEHLI

Jemima Stehli - She looked back

Im klassischen Sinne wurde die Photographie als Medium der Objektivität gehandelt, durch welches, angelehnt an das Camera obscura Seh- Modell aus dem 16.- 18. Jh., die Welt abgeschlossen, objektiv betrachtet werden konnte. Das Sehen im Apparatus fällt mit einer abgeschlossenen Subjektivität zusammen, einem Subjekt das abgetrennt ist von der der Welt und ihren Repräsentationen .
Seit der sog. „Krise des Subjekts“ in der Postmoderne wissen wir, dass diese stabile Subjektposition nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Warum nicht? Das Subjekt spaltet sich, wird abwesend und der Körper des Betrachters/der Betrachterin wird durch die Entwicklung mannigfacher Bildmedien seit dem 19. Jh. zur Oberfläche von Einschreibungen. Dies hat auch Auswirkungen auf die Photographie, die durch die zahlreichen neuen visuellen Medien ihren der Status - indexikalisches Zeichen von Wirklichkeit zu sein – verliert.
In Lacans Spiegelstadium identifiziert sich das Subjekt vor dem Spiegel mit der Gestalt des eigenen Bildes, dem Bild des anderen. Die Dopplung des Selbst im Spiegel spielt somit eine wichtige Rolle in der Subjektkonstitution. Die Grenze zwischen Subjekt- und Objektposition verschwimmen. Der Fotografie, als Repräsentationsmedium, wird häufig diese Funktion des Spiegels zugesprochen. Vom Ort des Bildes, der Fotografie, aus, erkennt sich der Betrachter, die Betrachterin selbst.

Jemima Stehli befragt in der Ausstellung She looked back die Strukturen und Mechanismen der Photographie. Die Photographie wird hier als Werkzeug und als Medium selbst in Frage gestellt. In Stehlis Arbeiten ist die Photographie  somit Material und Botschaft zugleich.
Wechselnde Positionen vor und hinter der Kamera werden von der Künstlerin eingenommen. Ihre Werke sprechen also von einer möglichen Subjektivität, die durch das Bild entsteht und aus dem Bild blickt.

„In Stehlis früheren Arbeiten, die sich auf den Skulpturen von Allen Jones Table and Chair (1997/1998) und After Helmut Newtons Here They Come (1999) basieren, nimmt sie die Position eines nackten Objektes in den Arbeiten dieser Künstler ein.“ (zitiert aus Ausstellungsinfotext)
Im ersten Raum werden überlebensgroße Photographie von Makoto (4 Fotografien) und Lucie (2 Photographie) gezeigt, welche ein intimes Verhältnis zwischen Modell und Künstlerin widerspiegeln.
Diese Photographie zeigen „die nackte und äußerst intime Einbezogenheit des Subjekts im Augenblick des Ablichtens“ (zitiert aus Ausstellungsinfotext).
Gleichzeitig passiert aber etwas: In der Erstarrung zum Bild macht sich das abbelichtete Subjekt zum Objekt des Blickes. Das Subjekt/die Akteure im  Bild werden vergegenständlicht. Der Prozess des Photographierens beginnt somit mit dem Bewusstsein der Photographin bzw. der Betrachterin, selbst Subjekt der Photographie zu sein.
Durch die sprechenden und kommunizierenden Blicke der Protagonistinnen bekommen die Photographien jedoch einen Charakter eines Dokumentes, welches von einer Performativität des Subjektes zeugt.
Nach der Philosophin Judith Butler nimmt das Subjekt durch die Wiederholung performativer Akte seine Identität an. In diesem Falle, wie wir durch die vier Photographien derselben Person sehen, liegt Jemima Stehlis Fokus besonders aber in der Wiederholung einer formalen Struktur: dem Gesicht gesehen durch das Kameraobjektiv (Vgl. Ausstellungsinfotext). Die einzelnen Portraits wurden unter denselben Bedingungen geschaffen: jeweils mit Tageslicht von rechts kommend. In der Wiederholung der Bildfolgen wird jediglich der Abstand zwischen Kamera und Subjekt ein wenig verändert. Durch die feinen Unterschiede bedingen sich Formalismus und Emotionen. In diesen Bildern von Jemima Stehli durchbricht die Subjektivität den Formalismus einer Bildsprache.

To my left (at the edge), 2008:

Die Künstlerin stellt sie sich nackt am Rande des Bildes vor, ihr bloßer Körper wird durch das Negativ eingepasst (Vgl. Ausstellungsinfotext). Es werden dadurch physische und psychische Grenzen  im Bild  aufgezeigt. Die Arbeiten weisen somit auch auf die formale Beschaffenheit des Bildes hin (alle Photographien, die hier in der Galerie gezeigt werden, wurden von Jemima Stehli selbst in einem Silbergelatine-Print- Verfahren vergrößert).
Das Motiv des Selbstauslösers spielt hier eine wichtige Rolle in der Frage nach der Identität der Künstlerin: Wo befindet sich das Subjekt? Etwa im Bild, oder am Ende des Selbstauslösers bzw. der Kamera?
Gegenüber im Raum ein überlebensgroßes Portrait von Gaza, dem zweiten Bandmitglied neben Makoto der Band If Lucy Fell.

In der Bildserie: Fall 1, Fall 2, Fall 3:
Auf diesen Selbstportraits wird das Studio sichtbar, das durch den Spiegel an Raum gewinnt. Das Selbst der Künstlerin wird darin in performativen Gesten nachgestellt. Der eigene Körper der Künstlerin wird Mittel von der künstlerischer Sprache und Praxis. Das Studio ist der Ort der Produktion, der Ausdruck von Antrieben und Wünschen. Der im Spiegel abbelichtete Studioraum wird also zum Ort der narzisstischen Projektion. Der Körper, der sich in Bewegung befindet zeugt von der materiellen Realität der Künstlerin, der Formen bildet und sich gleichzeitig wieder zu entformen beginnt.
In den Werken Tit box 1, Tit box 2 befragt Jemima Stehli ihre sexuelle Existenz als Künstlerin. Die Körperteile, wie die Brüste, welche durch Öffnungen einer Kartonschachtel durchgesteckt wurden, gewinnen an Skulpturalität. Damit werden diese Körperteile aber gleichzeitig einer Fetischisierung unterworfen. Jemima Stehli will darauf aufmerksam machen, dass es einerseits ihr eigener subjektiver Körper ist, der hier abgebildet wird, andererseits mittels fetischistischer Klischees der weibliche Körper im Bild ständig reproduziert wird.

The Heart Pavillion und If Lucy Fell 10/4/09:
Diese Videoarbeiten entstanden, indem sich Stehli in das Werk von anderen Künstlern stark einbinden wollte. Durch ihre Position hinter der Kamera umkreist sie ihre Subjekte, zum einen die Band If Lucy fell (mit der sie einige Zeit gelebt hat) direkt auf der Bühne, und  zum anderen Dan Graham und Kathy Battista bei der Besichtigung einer von Graham’s „Pavilions“ im Garten eines Sammlers. Durch ihr aktives Dabeisein nimmt sie die Rolle der Kamera ein, dennoch spricht sie auch manchmal mit ihren Protagonisten.
Wiederkehrend ist hier die Frage:
Wer schaut im Video in dieser Lebendigkeit zurück? Sind es die Akteure oder die Künstlerin selbst?
Ich beschließe diese kurze Führung mit einem ein Zitat von Roland Barthes aus Die helle Kammer, die der Kritiker Jonathan Slyce in diesem Zusammenhang erwähnt hat (Slyce, 21) :

„Ich wünsche mir eine Geschichte des Blicks. Denn die Photographie ist das Auftreten meiner selbst als eines anderen: eine durchtriebene Dissoziation des Bewusstseins von Realität.“ (Barthes 1989, 21)
Die Ausstellung She looked back erzählt uns davon.

Käthe Hager von Strobele