Galerie Raum mit Licht

 

JOHN HILLIARD

»REVERSALS OF LIGHTING, PROPORTION AND POSITION«

Eröffnung: Dienstag 27. Mai 2014, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 28. Mai - 11. Juli 2014

»Reversals Of Lighting, Proportion And Position«

UMKEHRUNGEN VON BELEUCHTUNG, PROPORTION UND POSITION

Seit den siebziger Jahren findet der doppelte Gegensatz als eine kennzeichnende Technik
meiner Arbeit immer wieder Verwendung, wobei sie sich zuletzt in zwei Werkgruppen manifestiert hat, die der Frage der Beleuchtung bzw. des Maßstabes gewidmet sind. Doch bevor ich mich diesen Arbeiten zuwende, wäre es vielleicht hilfreich, einen ihrer unmittelbaren Vorläufer zu betrachten. In Body Double (2011) wurde die Figur einer Frau, die mit dem Gesicht nach oben auf einem deutlich umrissenen Holzlattenboden liegt, von einem niedrigen Winkel aus aufgenommen, und zwar vom Kopf bis zu den Füßen und dann nochmals in derselben Höhe und  aus derselben Entfernung von den Füßen bis zum Kopf. Eines der Bilder wurde dann umgedreht, sodass ‚beide’ Frauen jetzt auf gleiche Weise nach oben gedreht liegen. Dies ergibt eine Gegenüberstellung, entweder durch Angrenzung (eine über der anderen) oder durch eine Überlagerung (eine über die andere gelegt), wodurch ein narrativer Diskurs zwischen den beiden Figuren entsteht. Der Körper und sein Double werden aus einer sehr verkehrten Perspektive aus aufgenommen, die in erster Linie von der relativen Position der Figur und der Kamera abhängten – ein aufgeblähter Kopf, der über winzige Füßen ragt oder umgekehrt. In der Überlagerung erscheint die verkehrt aufgenommene Frau jetzt vertikal anstatt horizontal ausgerichtet zu sein, wobei ihre Halbtransparenz ihr etwas Gespenstisches verleiht – eine außerkörperliche „Andere“ erhebt sich aus ihrem mehr dem Boden verhafteten und auf ihm liegenden Gegenstück.

In meinen Arbeiten stand die Beleuchtung, ein wesentliches Merkmal der Fotografie,  immer wieder im Vordergrund. Während das Werk Body Double seine verkehrten Abbildungen von  gegenüberliegenden Kameraperspektiven erhalten hat, ist die Arbeit In Another Light (2012) durch die Verwendung von entgegengesetzten Beleuchtungspositionen zu eigenen Umkehrungen gelangt. Die beiden Arbeiten sind aber auch in anderer Hinsicht miteinander verwandt. Beide bilden ein weibliches Modell ab, das zweimal sichtbar ist, in beiden Fällen in derselben Bekleidung und in beiden Fällen lediglich durch eine einfache  Abwandlung der Aufnahmebedingungen in ihrem Aussehen verändert. Die Figuren in In Another Light schweben nebeneinander in einem unbestimmbaren Raum, ihre Gesichter einander zugewandt, um einen Blick zu  wechseln, als eine Anerkennung ihrer gemeinsamen Gleichheit und ihres gemeinsamen Unterschieds – es sind polarisierte Zwillinge, die durch ihre Beleuchtung von einem ‚anderen Licht’ her bestimmt sind. Dreaming In Black-and-White – Days and Nights in the House of Sleep (2012) setzt die Beleuchtung auf ähnlich dramatische Weise ein: in diesem Fall, indem eine gezielte Beleuchtung auf aneinander angrenzenden Seiten eines Modellgebäudes angewandt wird. Eine Seite wird auf herkömmliche Weise von oben beleuchtet, als wäre  starker Sonnenlichteinfall, während die andere Seite von unten beleuchtet wird, wodurch abnormale, nach oben ausgerichtete Schatten entstehen, so als würden sie der Nacht entspringen. Die imaginäre Architektur bevölkert einen Ort, wo Tag und Nacht gleichzeitig präsent sind – eine Traumwelt, deren offensichtliche Künstlichkeit sie dennoch mit der Realität des Ateliers verbindet.

Die zweite Gruppe von jüngsten Werken, die mit dem doppelten Gegensatz als Technik arbeiten, befasst sich mit der Frage der relativen Proportion, wo Gegenstände von ähnlichem Aussehen, doch unterschiedlicher Größe entweder denselben Maßstab zu haben scheinen oder in einer verkehrten Proportion zu ihrer eigentlichen Größe stehen. In Like Father Like Son (2012) stehen ein lebensgroßer Vater und Sohn, Mann und Junge, mit gleicher Kleidung und Haltung an der Grundlinie des Bildes. Doch während der Kopf des Kinds bis zum oberen Rand ragt, reicht der Kopf des Vater nur halb hinauf zum Oberkörper seines Sohnes, wodurch er wie ein Zwerg aussieht bzw. der Junge wie ein Riese erscheint. In Wirklichkeit stehen die Figuren einfach unterschiedlich weit von der Kamera weg, während die Kamera in gleicher Weise auf sie gerichtet ist. In einer Variation derselben Arbeit wird der Abstand zwischen Vater und Sohn reduziert, sodass beide nun scheinbar gleich groß sind; das heißt, dass der Sohn noch immer übergroß und der Mann verkleinert wirkt.

Vergrößerung und Reduktion (im Gegensatz zur Wiedergabe in derselben Größe) sind von grundsätzlicher Bedeutung für die Bildgebung – ob in der Malerei, im Kino oder in der Fotografie. Genauso wie das Gesicht Marilyn Monroes enorm groß auf einer Kinoleinwand  wirken mag, nur lebensgroß auf einem Fernsehbildschirm  oder winzig in einer Filmstandaufnahme, die fotografischen Prozesse lassen eine riesige Variationsbreite in der gedruckten Größe eines Einzelbildes zu. Und genauso wie Position (Body Double) und Beleuchtung (In Another Light) eng mit der Fotografie verbunden sind, so ist dies auch der Maßstab. Das Vergrößerungsgerät in der Dunkelkammer vergrößert, verkleinert aber auch. Two Objects of a Known Size (2013) wurde konzipiert, um diesen Aspekt des Mediums einzubinden und zur Geltung zu bringen. Im Bild werden zwei gerahmte Schwarzweiß-Fotografien, identische Stillleben  von einem Paar Äpfel, abgebildet, wie sie auf derselben Bildebene, aber doch  an unterschiedlichen Wänden hängen, die durch einen Türbogen getrennt sind, anscheinend auf derselben Ebene und in derselben Entfernung vom Betrachter, sodass sie als einander entsprechende Paare wahrgenommen werden, die mit etwas Abstand nebeneinander hängen. Die zwei Wände, auf denen die Fotografien montiert sind, sind tatsächlich nur wenige Meter voneinander entfernt, aber die eine befindet sich in einem Raum, während die andere in einem angrenzenden Raum steht. Neben den in den Bildern abgebildeten Gegenständen (den Äpfeln) und den gerahmten Fotos als Gegenstände, gibt es zwei weitere Objekte, die dazu kommen, um einen tatsächlichen Größenunterschied zwischen den Fotografien zu begründen. Das Bild auf der rechten Seite wurde über einen Lichtschalter gehängt, während das auf der linken Seite sich in der Nähe von einem Stuhl (oder einem Galeriewächter oder von beidem) befindet. Diese Gegenstände „von bekannter Größe“ deuten die relativen Dimensionen und den Abstand von jedem dieser beiden Bilder im Blickfeld an – eine Replik zu jenem Eindruck von Gleichheit, den man auf den ersten Blick haben mag.

Da sie visuell als ‚Doubles’ konfiguriert wurden, sind die verschiedenen Bilder, die durch Umkehrungen der Beleuchtung, der Proportion und der Position entstanden, im Grunde jedes für sich aus zwei ähnlichen, doch unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt. In früheren Arbeiten gab es eine solche Trennung  in Gestalt eines Diptychons, doch seit 1989 vollzieht sich dieser Vorgang innerhalb desselben Bildraums. In jedem Fall sind mindestens zwei Elemente vonnöten, um einen Vergleich oder einen Kontrast herstellen  und bedeutungsvolle Unterschiede ausmachen zu können, die sich einfach aus der Variierung der Grundbedingungen ergeben, die für die Schaffung einer Fotografie von einem ansonsten konstanten Gegenstand erforderlich sind. Die Reduktion auf zwei, und die Verwendung eines doppelten Gegensatzes gründet auf der Verwendung einfacher Konstruktionen: gut/böse, er/sie, Tag/Nacht, schwarz/weiß, usw. Die scheinbare Einengung solcher Klischees muss aber nicht das Ergebnis eingrenzen. Am besten sieht man sie als einen einfachen Ausgangspunkt, sowohl konzeptuell als auch praktisch. Der Endpunkt, das Stadium, an dem diese Werke vollständige Gestalt angenommen haben, ist nicht nur ein Zusammenkommen von Gegensätzen, sondern das Ergebnis dieses Zusammenkommens – ein synthetisierendes ‚drittes Bild’, das, so gesteuert der Anfang gewesen sein mag, einen Grad an Unvorhersehbarkeit erreicht hat und so gesehen mehr als fähig sein wird, ein paar Überraschungen zu liefern (nicht zuletzt auch dem Künstler). Dieses Bild mag von einen Klischee herrühren, aber nun, von einem anderen Gebrauch machend, könnte man sagen: es sollte jedenfalls das Potential haben, mehr als die Summe seiner Teile zu sein.

John Hilliard
Februar 2013