Galerie Raum mit Licht

 

Just a detail

Titanilla von Eisenhart, Lara Erel, Judith Huemer, Titania Seidl

Vernissage: 06.11.2019, 18.00
Ausstellungsdauer: 07.11. – 19.12. 2019, 07.01. – 31.01.2020

Image © Titania Seidl »The Painter & the Rectangle (a pleasure that is modest, simple, private)«, 2019

                                                                                                            „Der liebe Gott steckt im Detail“
                                                                                                                               (Aby Warburg, 1925)
                                                                 
Der Titel »just a detail« verweist auf das Unscheinbare, vermeintlich Marginale oder sogar Abfällige, das, was gemeinhin übersehen und für wertlos erachtet wird. Doch schwingt auch Widerständigkeit mit: Die Erkenntnis nämlich, dass ein Detail zugleich das Bedeutsame sein kann und dass erst in Nahsicht das große Ganze zu fassen ist. Und mehr noch: Das Wissen um das Detail ist ein exklusives. Wer sich nicht darauf einlässt, bleibt ausgeschlossen.

Mit Titanilla von Eisenhart (*1961), Lara Erel (*1989), Judith Huemer (*1969) und Titania Seidl (*1988) präsentiert die Galerie R M L vier Künstlerinnen, die auf ganz unterschiedliche Weise ihre Umwelt und bisweilen auch sich selbst aus nächster Nähe ins Visier nehmen. Stofflichkeit spielt dabei eine große Rolle.

Titania Seidl
Titania Seidl zählt zu einer jungen Generation von Künstler*innen, die sich wieder der Malerei zuwenden. Seit 2017 arbeitet sie an der großformatigen Serie mit dem Titel „The Painter  & the Rectangle”. Dabei folgt sie einem sehr persönlichem Bildbegriff. Während intensiver Arbeitsphasen fülle sich die Leinwand einem Gefäss gleich – so die Künstlerin. Vorzeichnungen gäbe es nicht, wohl aber Übermalungen. Es sind keine großen Narrationen, die entstehen, sondern eher Collagen beiläufig biographischer Zustandsberichte, die ineinander verwoben, eine anekdotisch anmutende und zugleich geheimnisvolle Bildlichkeit entfalten. Oftmals lässt sie sich dabei von momentanen Lektüreerlebnissen oder eigenen Texten anregen und hält die erinnerten Satzfolgen in den Titeln fest. Diese Technik lässt an die Arbeitsweise von James Joyce denken. Auch bei Titania Seidl fließen in einer Art „stream of consciousness“ Bewusstseinsinhalte ungefiltert und assoziativ über den Pinsel auf die Leinwand. Die fluiden Bildwelten haben die ephemere Konsistenz von individuellen Träumen und sind eine Nährlösung für persönliche Mythologien.
Andeutungen von Landschaftlichkeit laden den Betrachter ein, mit dem Blick zu verweilen, doch im nächsten Augenblick schon weicht sie einer Ortlosigkeit. Dann wieder tauchen Einzelmotive von fetischhafter Aura auf: Fragmente eines Körpers etwa, Gefässe oder Kleidungen in Schnitten und Mustern exotischer Kulturen. Häufig sind es die Kleidungsstücke der Künstlerin selbt. Die, die mich kennen, finden mich wieder, sagt sie. Die Hüllen ihres Körpers sind Teil ihrer Identität und verleihen Titania Seidl auf allen ihren Bildern eine verborgene Präsenz. Nur die weisse Leinwandfläche bleibt ihr Zeuge.     

Lara Erel
Die Künstlerin Lara Erel arbeitet in verschiedenen Medien. In der Galerie RML waren bisher die Linolschnittfolge „Gegenstadt“ und eine Installation mit Keramik (beide 2018) zu sehen. Was ihr künstlerisches Werk kennzeichnet, ist die Entfaltung komplexer, vielteiliger, individueller Kosmogenien. Aktuell entwickelt Lara Erel den Werkkomplex “Invasion”. Anregungen dazu habe sie u.a. von Niki de St. Phalle`s „Hon“ (1966 Moderna Museet, Stockholm) erfahren, einer 29 Meter langen liegenden Skulptur, die durch die Vulva betreten werden kann. Entscheidend wird Erels Formfindungsprozess von dem Wunsch getragen, aus dem hochsensorischen und doch unbekannten Terrain des weiblichen Geschlechtes einen eigenen Kosmos wachsen zu lassen. Entstanden sind skulpturale Objekte, die Gebärmutter, Vulva, Brüsten, Armen und Beinen eine zarte Gestalt in pastellenen Tönen verleihen. Eigenwillig bleiben sie Fragment, fügen sich nicht einem fremdbestimmten „Objekt-Körper“, auch ein Kopf fehlt. An manchen Oberflächen entwickelt sich ein plastisches Eigenleben. Aus Styropor geformt und mit Pappmache überzogen, suchen die fremden Gestalten an der Architektur Halt. Leise und gewaltfrei, schwebend oder hängend, besetzen sie so den Raum und schenken dem Titel „Invasion“ eine weitere, konträre Nuance: Es wird nicht in den weiblichen Körper eingedrungen, um ihn zu besetzen (wie etwa bei Niki de St. Phalle), sondern umgekehrt. Mit heiterer Selbstverständlichkeit belebt Erels Kosmos des Weiblichen die Welt. Zur Einkleidung der organischen Formen griff die französische Künstlerin auf den Haushalt ihrer Großmutter zurück. Dort fand sie eine Schatulle, gefüllt mit bemusterten Geschenkpapieren und gedacht, um zu verhüllen und zu verheißen zugleich.    

Titanilla von Eisenhart
Spätestens mit dem von Cathy Wilkes (*1966) gestalteten englischen Pavillon auf der letzten Biennale ist „das stille häusliche Drama“ (Susanne Boecker) zu einem höchst aktuellen Thema der Kunst geworden. Gewürdigt wurde in dieser Installation das - immer noch - entbehrungsreiche Leben vieler Frauen im Schatten eines Haushaltes,  „... das Nicht-Sein hinter dem schönen Schein, für die Anstrengungen, die notwendig sind, um alles irgendwie zusammen und am Leben zu erhalten.“
Viele Jahre vorher, 2002, hat die Allroundkünstlerin Titanilla von Eisenhart dieses Thema bereits in einem ihrer experimentellen Filme aufgegriffen, denen sie sich seit den 90er Jahren widmet. Schon der Titel in dadaistischer Kombinatorik „How To Force A Partridge Into A Stocking/ Wie stopfe ich ein Rebhuhn in einen Strumpf“ verrät, dass Sie einen anderen Ansatz verfolgt als die nordirische Künstlerin. Titanilla von Eisenhart arbeitet unter Einsatz ihres eigenen Körpers provokant und ironisch, vorallem aber mit der Absurdität tiefgründigen Humors. Von ergebener Verhärmung ist nichts zu spüren, wohl aber von der Souveränität einer selbstbewussten Frau, welche ihre Betrachter*innen direkt und auf Augenhöhe zwinkernd adressiert.
Das Video, eine One-Woman-Produktion, zeigt die Künstlerin im Doku-Format der „talking heads“. Sie tritt in privatem Ambiente auf, hemdsärmelig in einer rosafarbenen Bluse, schwere Ringe an den Händen. Alles scheint in warmes Licht getaucht. An ihrem Armgelenk tickt die Uhr des Vaters. Von klein auf hat er sie in die Welt der Kunst eingeführt. Es ist Nacht, der einzige Moment der Ruhe einer alleinerziehenden Mutter von drei Kindern. Im Hintergrund sind die mitreißenden Rhythmen eines französischen Unterhaltungsorchesters zu hören. Nino Ferrer besingt lauthals (Les Cornichons, 1966) in einer arbiträren Lebensmittel-Litanei die Vorbereitungen eines Pique-niques. Drei Tage lang habe die Mutter die Körbe befüllt – ein gerupftes Huhn war übrigends auch dabei – dann fiel alles ins Wasser. Bittere Komik! Im Takt dazu stopft Titanilla in unendlicher Wiederholung die Papiermaché – Atrappe eines gerupften Rebhuhns mit sichtbar sinnlichem Vergnügen in Strümpfe. Der Begriff des „Strümpfe - Stopfens“, ein Sinnbild weiblicher Hausfrauentragik und vergeblicher Tagesmühen, gewinnt so eine ungeahnte freche Dimension und erobert die Bühne einer erotisch aufgeladenen, selbst - herrlichen oder sagen wir besser selbst - fraulichen Performance, in der nicht das Patriarchat, sondern die Kunst siegt.
Zu dem Film sind eine Reihe von Zeichnungen entstanden, die zusammen eine Art piktogrammatisches Rezeptbuch ergeben: Vom gerupften Rebhuhn angefangen, über Uhr, Kugelschreiber, Stativ und Videokamera finden wir hier alle Zutaten des Films in charakteristischen Umrisslinien notiert. Zu entdecken ist hier eine ganz andere Seite der Künstlerin: Entschiedenheit, Subtilität und Eleganz erinnern an Egon Schiele.

Judith Huemer
Auch Judith Huemers Werk zeichnet sich durch eine höchst vielseitige künstlerische Praxis aus, die sich in diversen Medien und Materialien äußert. Sie reicht von Zeichnungen, Skizzen und Collagen bis zu großformatigen analogen Fotografien. Ready mades zählen ebenso dazu wie Rauminstallationen, Performances und Videoarbeiten.
Wie bei vielen Künstlerinnen der „Vorbilder-generation“ (Renate Bertlmann, Valie Export, Friedl Kubelka, Heidi Harsieber)  - und allen Künstlerinnen dieser Ausstellung - spielt auch in ihrem Werk der eigene Körper ein große Rolle und zwar auf eine originelle und sehr spezifische Weise. Von zentraler Bedeutung für Huemer ist nämlich nicht der Körper an sich, sondern der Körper an der Schnittstelle zur Gesellschaft und ganz besonders in Beziehung auf das, was ihn in dieser kleidet, was ihm im hier und jetzt eines gelebten sozialen Zusammenhangs für einen Moment eine bestimmte Rolle, eine bestimmte Textur und eine bestimmte Farbe, ja eine bestimmte Erscheinung auf den Leib schneidert. In der Ausstellung sind Werke zweier fotografischer Serien zu sehen, die sich explizit mit dem Thema von Textilien im Spannungsfeld von sozialer Rollenzuschreibung und möglicher Identitätsverwirklichung auseinandersetzen:
Die unabgeschlossene Serie „wornout“ entsteht seit 1997. Man könnte diese Arbeit als eine Art privates Archiv abgetragener Strümpfe beschreiben. In ihnen speichert sich individuell verlebte Bewegung und die persönliche Entscheidung für einen bestimmten Kleidungsstil, tragen die Textilien doch die ästhetischen Signaturen ihrer Herstellungszeit. Meist handelt es sich bei Judith Huemer um Strumpfhosen von starker Buntfarbigkeit, nur während ihrer Residency in Rom seien ausschließlich hautfarbene Hosen erhältlich gewesen. 1959 erstmalig auf dem Markt für weibliche Trägerinnen eingeführt, wurden die elastischen Beinkleider aus leicht verletzlichen Kunstfasern bald zum Symbol für schön geformte, farbige, attraktive Frauenbeine und zum prädestinierten Material für feministische Künstlerinnen. Judith Huemer formt nun aus ihnen Schicht für Schicht eine wachsende Kugel und hält dann in unregelmässigen Abständen den „status quo“ des Umfangs in analoger Fotographie vor weissem Hintergrund fest. Der fertige print wird schließlich um 90 Grad gedreht. Der Schatten, den die Kugel geworfen hat, hinterfängt sie nun an der Seite. Das wachsende skulpturale Strumpfhosenkondensat wirkt so merkwürdig schwerelos und gewinnt den Anschein eines bedeutungsvoll beschienenen Wandobjektes. Es ist eine persönliche Zeitkapsel, die das Leben von Judith Huemer weiter begleiten wird.  
Eine weitere fotographische Serie mit einer verwandten Thematik entstand zwischen 2010 und 2013 Sie ist fünfteilig, doch der Titel signalisiert auch hier eine konzeptuelle Unabgeschlossenheit und den Zufall der Auswahl: „UND bunt, UND türkis, UND metallic, UND hellrosa, UND pink“ Insbesondere die Einzelarbeit wird als Teil eines größeren Ganzen ausgewiesen. Judith Huemer hat in dieser Serie Stoffrollen festgehalten, wie sie in entsprechenden Geschäften zu finden sind. Sie bieten den Rohstoff, in dem Leben einzukleiden wäre. Ob die Zuordnung an die Geschlechter eine Rolle spielen wird, bleibt eine offene Frage. Aufwändig bearbeitet, hat die Künstlerin aus den nahsichtigen Aufnahmen monumentale Farbarchitekturen geschaffen. 
Just a detail!

                                                                                                                          Heidrun Rosenberg 2019