Galerie Raum mit Licht

 

KÄTHE HAGER VON STROBELE & EVA STENRAM

»CRISSCROSS «

Vernissage: Mittwoch 21.Oktober 2015 19:00–21:00
Ausstellungsdauer: 22.Oktober – 28.November 2015

Artist Talk & Tea
Sonntag 22.November 2015 um 15:00 Uhr
mit Käthe Hager von Strobele, Eva Stenram und Melissa Lumbroso.
Im Rahmen von Vienna Art Week 16. - 22.11.15
Die aktuelle Ausstellung »Crisscross« (kreuzweise, kreuz und quer) präsentiert neueste Arbeiten von Käthe Hager von Strobele und Eva Stenram, deren Interesse am Häuslichen weit über den Gebrauch und Einsatz seiner Materialien und Texturen im Wohnraum hinaus geht. Wie schon der Titel andeutet, unterstreicht »Crisscross« den veritablen Rede-Antwort Dialog zwischen den jeweiligen Arbeiten von zwei Künstlerinnen, die etwas gemeinsam haben, nämlich die Strategien und Möglichkeiten Interferenzen zu verwenden. Bezugnehmend auf den naturwissenschaftlichen Gebrauch des Begriffs „Interferenzen“ für die Phänomene der Interaktion zwischen Wellen oder in biologischen Prozessen, fungiert Interferenz / Störung / Überlagerung in der Arbeit der beiden Künstlerinnen als Katalysator für ihre künstlerische Produktion.

Eva Stenram benutzt als Ausgangsmaterial Pin-up Fotos aus den 1960er Jahren, auf denen Frauen fast ausschließlich in häuslicher Umgebung abgebildet sind. In der Serie Parts (2013-2014) verteilen sich körperlose, strümpfetragende Beine scheinbar wahllos auf gewöhnlichen Betten, Sofas und dichten Teppichböden. Die gefunden Aufnahmen wurden von der Künstlerin digital verändert und die Körper der Models durch dieselben stofflichen Oberflächen, wie das sie umgebende Interieur, ersetzt. Die daraus entstandenen makabren Szenen minimieren den eigentlich erotisch vorgesehenen Inhalt und verlagern den Fokus des Begehrens vom Körper zu den weichen Kissen.

In der Serie Drape (2011-2014) verhüllen duplizierte Vorhänge die Körper der posierenden Frauen, während ihre Beine und einladenden Gesten noch zu sehen sind und damit erst enthüllt werden. Diese Bilder können zweideutig gelesen werden: einerseits als die Re-erotisierung und Objektivierung des weiblichen Körpers, andererseits wird die Aufmerksamkeit auf die stereotypisierte Rolle und Stellung der Frau gelegt, deren Körper, eingeschrieben in dem häuslichen Raum, nochmals eingebettet wird. Die Störung des gefundenen Bildmaterials wird formal  in  weiteren kleineren Werken betont, welche den weißen Raum rund um das digital manipulierte Bild sichtbar machen, eine Leerstelle thematisieren, welche ursprünglich mit Magazintext gefüllt war. Dieser Raum ist ähnlich dem unsichtbaren Raum zwischen dem künstlich eingefügten Vorhang und dem Körper der Frau und erlaubt es dem Publikum, wie Stenram es selbst formuliert hat, sich „ein mögliches Gleiten der Frau in einen neuen Raum“ vorzustellen.

Für ihr textiles Werk, Daydreams are nicer than T.V. (2015), hat die Künstlerin das Blumenmuster einer in Magazinen immer wiederkehrenden Tagesdecke neu erschaffen, indem sie es digital auf Kissenüberzüge gedruckt hat. Die Kulisse der fotografischen Pin-Up Fantasien gewinnen somit eine neue „taktile Form im wirklichen materiellem Raum“. Anders als ihre bloße Reproduktion als Retro-Requisiten integriert Stenram in die Muster ihre Störungen: Falten sowie die inhärenten Attribute der vorgefundenen Fotografien werden in Form von Verflachungen, Verkürzungen, und Verzerrungen in den Mustern eingesetzt.

Muster, Textilien und visuelle Interferenzen sind ebenfalls zentral für die Herangehungsweise Käthe Hager von Strobeles künstlerischer Praxis. In ihrem Werk Moiré (2015) kleidet die Künstlerin leblose Schneiderpuppen ein, auf Hemden mit konventionellen Karo-, Streifen- und Tupfen-Mustern werden irritierende Moiré-Muster appliziert. Andere Haushaltsgegenstände, die Interferenzen hervorbringen, wie ein Ventilator durch Luftwellen oder Lautsprecher durch Schallwellen, werden in diese Inszenie-rungen einbezogen. Eine andere Serie, Rapport (2015), veranschaulicht darüber hinaus die Beschäfti-gung der Künstlerin mit dem Moiré-Effekt selbst: es sind Fotogramme, die in analoger Technik mit Hilfe von Transparentfolien in der Dunkelkammer hergestellt werden. Sie zeigen ihre Versuche einen eigentlich unerwünschten Effekt, der im digitalen Zeitalter beinahe nicht mehr existiert, zu reproduzieren.

Hager von Strobele beschäftigt sich mit Textilien und dem Medium der Fotografie im Sinne ihrer Funktion als Projektionsoberfläche von Identitäten. Während der menschliche Körper generell nur selten in ihren Bildern und Objekten miteinbezogen wird, erlauben spezifisch codierte Textilien, Strukturen und Kulissen dem Betrachter/der Betrachterin das Interpretieren und Deuten einer Identität, welche die von ihr verwendeten Glaskästen bewohnen. In den unheimlichen Szenen der Serie exterior/interior (2015) beispielsweise, verbindet die Künstlerin Outfits bewusst ausgewählter altmodischer Kleidungsstücke mit Texturen aus vorgefundenen, isolierten Außenbereiche. Die Analogie zwischen den gezeigten Textilien und den umgebenden architektonischen Strukturen ist auffallend und demonstriert, wie sich die Künstlerin absichtlich auf vorgefasste Auffassungen der BetrachterInnen über spezifische Muster und Stile bezieht und diese unweigerlich in Frage stellt.

Das Inkludieren von traditionellen Mustern in ihr Vokabular, bedeutet für Hager von Strobele, gleichzeitig auch diese aufzubrechen. In einer Verschmelzung von  Hoch- und Massenkultur, entfernt die Künstlerin in ihren Objekten Bubble Chair Fragmente aus dem kitschig, floralen Muster vorgefundener Fauteuils (2015) und ersetzt diese mit Flicken aus Damastleinenimitaten. Diese werden aufbewahrt und in ihrer fotografischen Reproduktion in einem Glaskasten als Relikte, als auch archäologische Artefakte ausgestellt.

In diesem Zusammenhang ist die Verwendung des Begriffes „Interferenzen“ in der Psychologie und den Sozialwissenschaften besonders relevant für die künstlerische Arbeit beider Künstlerinnen. In diesen Bereichen wird mit „Interferenz“ beschrieben, wie sich Gedächtnis und Lern-Prozesse als Wechselwirkungen neu erworbener und bereits vorhandener Kenntnisse und Fähigkeiten darstellen. Beide Künstlerinnen verstören Sehgewohnheiten; Bilder werden überlagert oder überschneiden sich, Fehler und Defekte werden in den Prozess der Wahrnehmung eingeschleust, um das Bild zu stören und neue Bedeutungen zu evozieren. Die Arbeiten beider Künstlerinnen führen eine Art Wider-Rede ein, ein Schlagabtausch mit den Repertoire von vertrauten, oft stereotypen Bildern und Sehgewohnheiten. Eine Wider-Rede, die die BetrachterInnen anregt inne zu halten und sich bewusst zu werden, nicht unbedingt dessen, was es zu sehen gibt, sondern vielmehr, wie Sehen stattfindet.

Text: Melissa Lumbroso (2015)
(Übersetzung: Daniela Hölzl, Esther Koenig, Melissa Lumbroso)