Galerie Raum mit Licht

 

REMOTE HORIZON

Andrea van der Straeten

Soft Opening: 11.03. 2 – 8 PM
Exhibition: 11.03. – 22.04.2022

The exhibition is part of the annual Foto Wien festival this year introducing special focus on female photographers and highlighting the key role of photography in the perception of nature within the theme Rethinking Nature / Rethinking Landscape.
Das Zittern des Weltzusammenhangs

Remote Horizon ist die zweite Einzelausstellung von Andrea van der Straeten in der Galerie Raum mit Licht. Sie findet im Rahmen des Fotografiefestivals FOTO WIEN statt. Die Künstlerin wurde 1953 in Trier geboren. Bereits seit 1987 lebt sie in Wien. Sie arbeitet u.a. in den Medien Fotografie, Grafik, Film, Video und Performance. Daneben entstehen auch Artist’s Books, Soundarbeiten und Installationen. Ein häufig wiederkehrendes Element ist Sprache, die sie auf ganz unterschiedliche Art und Weise, mal mit einer gewissen Härte und Prägnanz, mal mit großer Sensibilität und einem feinen Gespür für Poesie zu ihrem Material macht.

Im Vergleich zu früheren Ausstellungen spielt die Auseinandersetzung mit Sprache in dieser Ausstellung allerdings eine untergeordnete Rolle. Was die Arbeiten vereint, ist vielmehr ein künstlerisches Interesse an ambivalenten Bildstrukturen, medialen Übersetzungsprozessen, der Fragilität des Materiellen, aber auch des Seins an sich.

Die Ausstellung umfasst Arbeiten aus 32 Jahren. Insofern funktioniert sie  auch wie eine einstige Gewissheiten couragiert auf den Prüfstand stellende Revision der eigenen Arbeitsweisen seit den 1990er Jahren. Viele Werke haben stark zeichenhaften Charakter. Sie zeigen Oberflächen im Zustand der Instabilität und der Zerrissenheit. Doch genau daraus gewinnen sie auch ihre Faszination und Schönheit.

Die 2020 als Artist’s Book erschienene Serie „Collision“ kombiniert Fotos von gewaltsam zerstörten Schaufensterscheiben in verschiedenen Städten mit verschwommenen Bildern von leuchtend bunten Blumen. Die Bruchmuster sind das Resultat von Einbruchsversuchen oder sozialen Unruhen. Statt zu zerbersten bildet das Sicherheitsglas eine naturähnliche, an bizarre Spinnennetze erinnernde Struktur mit einer ganz eigenen Ästhetik.

Während hier die Auswirkungen punktueller Zeitmomente vorgeführt werden, beschäftigt sich Andrea van der Straeten in Arbeiten wie „Remote Horizon“ (2021) oder „Territory“ (2021) stärker mit Zeit- und Raumkontinuen. Zu sehen sind mittels Durchlicht entstandene fotografische Aufnahmen von Betttüchern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Hand gewebt worden sind und durch ihren kontinuierlichen Gebrauch, aber auch durch Akte des Reparierens zu ganz unverwechselbaren „Individuen“ geworden sind, an welchen sich auch die Geschichte ihrer Benutzung ablesen lässt. Andrea van der Straeten interessiert sich jedoch weniger für den narrativen Gehalt der geflickten Bettlaken, sondern mehr für den diffizilen Akt des Übersetzens in fotografische Bilder. Gleichzeitig weisen diese Arbeiten auch eine große visuelle Verwandtschaft mit kartografischen und topografischen Darstellungen oder Landschaftsbildern auf.

So bilden sie vielleicht auch eine Brücke zu denjenigen Arbeiten, die sich noch unmittelbarer mit Phänomenen der Natur oder geologischen Vorgängen auseinandersetzen. So zeigt die Arbeit „Hush,Hush!“ (1992) Aufnahmen des Teppich-Krokodilfischs, eines Virtuosen der Mimesis, der seine Hautoberfläche perfekt an die Farben und Muster des Meeresuntergrunds anpassen kann. Die vier Polaroid-Aufnahmen der Arbeit „08/2015 # 1-4“ (2015) wiederum zeigen bizarre Lehmgesteinsformen, die plötzlich aus der Erde herausgewachsen sind.

In den Arbeiten „Falter #1 + #2“ (2021) verwendet Andrea van der Straeten einen, aus Recherchen über Insektenbeine entwickelten frei verfügbaren Zeichensatz (Font) der französischen Designerin Alice Savoie, den sie auf Stoffe mit Blumenmustern printet. Eine weitere Textarbeit ist die zweiteilige Schwarz-Weiß-Fotografie „Falken und Sperlinge“ (1990), basierend auf einem literarischen Zitat von T.S. Eliot.


In der Videoarbeit „Nervous Yellow“ (2020) schließlich kulminiert das die gesamte Ausstellung durchziehende nervöse Zittern des Weltzusammenhangs in Form einer Zitrone, die auf einem spiralförmigen Eierbecher aus Metall thront und unablässig vor sich hin vibriert.

 Nicole Büsing und Heiko Klaas (10.2.2022)

 
ANDREA VAN DER STRAETEN (*1953 in Trier (DE)) schloss Studien der Germanistik und Politikwissenschaften in Marburg bei Frankfurt ab, sowie der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Sie lebt seit einem Stipendium für ein postgraduales Jahr an der Universität für angewandte Kunst 1987 als bildende Künstlerin in Wien und leitet seit 2002 als Professorin die Experimentelle Gestaltung an der Kunstuniversität Linz.

Ihre künstlerischen Arbeiten finden sich in öffentlichen und privaten europäischen Sammlungen.