Galerie Raum mit Licht

 

RINI TANDON

RINI TANDON
                                       
Die Ausdehnung insgesamt geht aus den Tiefen hervor
Der Raum als reine Anschauung, spatium, ist intensive Quantität;(...)
Eine intensive Quantität teilt sich, aber sie teilt sich nicht, ohne sich nicht in ihrer Natur zu verändern.
In gewissem Sinne ist sie also unteilbar, (...).
 
Gilles Deleuze : Differenz und Wiederholung
 
Zeichnend, schreibend, eine Linie ziehend, ist das Subjekt mit der Totalität verbunden. Die Linie definiert den Raum, wie die Schrift den Sinn, und der Körper, der sie ausführt, ist selbst untrennbar ein Teil davon. – Der Raum ist immer abgründig.
Rini Tandons tiefe Obsession, den Raum zu verstehen, ihn sich ausdrücken zu lassen, wird am klarsten in den Zeichnungen auf Fotokarton wie Transducers oder Transformers offenbar. Der Rhythmus einfacher Linien erzeugt einen vieldimensionalen Raum, der theoretisch nur dem abstrakten Denken der mathematischen Topologie zugänglich ist.  Doch die Tiefe entspringt der Wahrnehmung, der Perspektive eines in sich selbst tiefen Ich.
 
Objekte, Skulpturen, In-Situ Installationen : die künstlerische Position von Rini Tandon erwächst
aus den Paradigmen des Minimalismus - Positiv/Negativ, Leere und Volumen, Positivität und ihre Umkehrung in Virtuell-Werden der realen Räume. Die Künstlerin selbst verweist jedoch immer wieder auf einen unsichtbaren im sichtbaren Raum, Schläuche und Nylonschnüre verkörpern in einigen Installationen die Form, die in sich einen Hohlkörper trägt.
 
Der Raum bildet als Prinzip der Anschauung die Möglichkeit Räumlich/plastisches wahr-zunehmen und dadurch erst zu bilden, dieses Kantsche Theorem findet in der modernen Hirnforschung seine Bestätigung. Die Chromolux Arbeit Red Green White etwa verweist assoziativ auf die offene Struktur dieses Innenraumes. Die nach dem Werkstoff Chromolux benannten collagehaften Arbeiten hinter Plexiglas, ebenso wie die neueste Fotoarbeiten, deren Mehrdimensionalität durch inter-
agierenden Oberflächen zustande kommt, reflektieren sinnlich anschaulich die Konstitution des Räumlichen aus Dauer und Erinnerung. Wenn Kant Raum und Zeit als die apriorischen Bedingungen jeder Erkenntnis (in Wahrnehmung und Begriff) setzt, so ist dieser Raum ein aus den passiven Synthesen der Zeit erst entstehender.

Die Spinne webt aus dem Seidenfaden das Netz, welches erst Grundlage ihrer Existenz ist.
Der Raum als intensive Quantität wird aber nicht einfach Wahrnehmung vorwegnehmen, aus seinen beweglichen Ursprungspunkten entstehen fließende, in sich variable Affekt-Räume.Deleuze unterscheidet diese glatten, dem nomadischen zugeordneten Räume von den gekerbten der Seßhaftigkeit. Nicht geteilte Materie, sondern von Kräften und Affekten definierte Bezugnahme bringt glatte, jeweils unteilbare Räume hervor. Wie in den Objekten Fluid Triumph und Fluid Circuit ist Plastizität das Erscheinen einer Veränderung, amorph und informell, den Riemannschen Räumen der Mathematik verwandt, zeigt sich die Nachbarschaft lokaler, einander verschränkter Positionen oder Gefühlslagen. Festes wird flüssig, tritt ein in ein anderes Bezugsystem, beide Affektlagen erfinden ein nur sie betreffendes gemeinsames Feld. In den hohlförmigen, spiegelden, mit Ver-
größerungsgläsern bestückten Wandobjekten Wandering Attributes nimmt das Vielfach-Werden des Raumes in der Brechung der Perspektiven auch den Betrachter in das sich ständig neu zeigende Arrangement mit hin. Das Absolute, jener unsichtbare Raum, den Rini Tandon als Referenz der Skulptur nennt, erweist sich als Immanenz-Plan der Intensität.

Die glatten Räume besitzen keine zusätzliche Dimension gegenüber dem, was sie durchquert.
Rini Tandon spricht von sich selbst auch als Katalysator. Die Künstlerin versucht den Intentionen des Materials gemäß, die Form zu ermöglichen, die es dann letztlich im Raum annehmen wird. Die potentielle Form ist bereits im Material angelegt und erwirkt in ihm ihren Ausdruck. 
Nur die Milch kann sauer werden, nicht der Ton, und es ist eine Form der Milch, sauer zu werden. Die Aktualisierung einer virtuell in der Milch vorhandenen Form, nicht anders hat ein zusammengerolltes Tuch  die Masse seiner Entfaltung. Die Sonne scheint. Ihr Wesen ist es sich zu verströmen. Solar Scheme, ein zum Bild gemachtes Objekt, oder die sich um und durch dieses Objekt windenden leuchtend gelben Nylonschnüre, deren Inneres hohl ist – diese komplexe Verdoppelung aus Raum und Bild bedeutet genau dies : die Sonne gibt es nur in der Aktualität ihres Sich-Verströmens und im Berührt-sein davon.
 
Rini Tandon ist 1956 in Indien geboren und dort aufgewachsen.
Sie hat ihre künstlerische Ausbildung und die Entwicklung einer eigenen Position in Auseinandersetzung mit der Kunst der westlichen Postmoderne und den heutigen Naturwissenschaften gemacht, doch die Idee des Absoluten in ihrer Kunst scheint mir der indischen Kultur verdankt. Brahman, Geist, die Ur-sache von allem, das Weiten des Raumes und Shakti, die oft weibliche Kraft der Entfaltung bringen, zumindest in den tantrischen Denktraditionen, alles Werden hervor. Der Raum als Prinzip wirkt in seinen Erscheinungen.
 
Daniela Hölzl 2013

www.rinitandon.com
Die Galerie Raum mit Licht zeigt Arbeiten von Rini Tandon aus einem Spektrum spezifischer Studien und Modellentwicklung, die sich mit Inhalten des absoluten und abstrakten Raumes beschäftigen. Zur Konzeption der Ausstellung wurde innerhalb eines skulpturalen Arbeitsprozesses eine Basis entworfen, welche die daraus entstandenen Ergebnisse von Objekten, Photo-Arbeiten und Zeichnungen in einem Werkzusammenhang veranschaulicht.

Der Titel der Ausstellung to spaces unsigned fokussiert ungekennzeichnete Räume, losgelöst von Attributen oder Gebrauchswerten, gegenüber einem gebräuchlichen Verständnis worin Raum als Besitz oder Mittel zur Macht verstanden wird. Den Inhalt des Begriffs ‚Null’ erforschend, analysiert Tandon Strukturen, die durch Materialien und deren Beziehung zu den Eigenschaften des Raums ausgelotet werden. Sie fusioniert theoretische Information mit Erfahrungswerten und trennt sie von einander, um das ‚Unsignierte’ zu lokalisieren, wobei Konkretion mit poetischer Metapher konfrontiert wird.

„…ihre Interessen richten sich nicht nur auf ‚die Unsichtbarkeit des inferentiellen, sondern auch mit dem Nicht-wahrnehmbaren des allgegenwärtigen Raumes’…Rini Tandons Werke, die, die Sprache des Minimalismus bevorzugen, beschäftigen sich mit der Materialität, Raum und Zeit, sowie unterschiedlicher Erscheinungen von Strukturen der Energieformen. Ihre Herangehensweise tangiert mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen worin ihre stetige Suche nach kosmologischen Ursachen eine Nähe zur Quanten Physik zeigt.“
(Peter Nagy: „On the Work of Rini Tandon", Neue Galerie, Landesmuseum Graz, 2000/Text: Berlin 2009.)

Tandon verwendet zahlreiche Materialien und Medien um elementare Aspekte der Naturwissenschaft auf ihre Eignung zu testen. Selbst Zeit und Raum beansprucht sie wie gefügige ‚Materialien’ wobei photographische Aufnahmen neu modelliert werden, wie in den photographischen Arbeiten Optical Chasms, The Geometry of Illusion 2 oder Shooting Location. Die vorliegende Serie von Arbeiten fokussiert den Mechanismus der Interaktion von Objekt und Wahrnehmung, worin ein neuer interaktiver Raum an der Schnittstelle des Objektes und dessen Wahrnehmung gebildet wird.

„Die Künstlerin schafft Skulpturen aus festen Materialien, die den Zustand der Fluidität nachzustreben scheinen, wobei die photografischen Arbeiten eine skulpturale Ursache, eine Konvergenz zur drei Dimensionalität zeigen. Ausschlaggebend dabei ist, ist ihre Beschäftigung mit den topologischen Aspekten der Wahrnehmung.“
(Camilla Nielsen, „Making a Splash“, ART INDIA, 2009.)

Skulptural entwickelte Modelle suchen verschränkbare Spielformen des ‚Finits’ in den Attibuten des Raumes, entsprechend den Arbeiten Concrete Time, Breath-Field or Wandering Attributes. Die Objekt-Installation Echo Location 2, die aus unregelmässigen Formen besteht, wird von einem vorgefertigten, blauen Linienkörper ‚gescannt’ und bezeichnet. Davon ausgehend dass Nicht-Wahrnehmbarkeit eine untrennbare Eigenschaft von Wahrnehmung ist, entspricht das Konstrukt oszillierender Ausdehnung, dem Wellen reiten auf bestehenden Strukturen des Raumes.

„Tandons neue Arbeiten sind erzwingend, wenn diese als eine künstlerische Untersuchung von fachspezifischen Themen verstanden werden. Die Künstlerin vermittelt den BetrachterInnen Information und damit auch ihrer Faszination. Dies ist letztendlich eine ästhetische Stärke…,die den BetrachterInnen einlädt, über die Neugierde der Künstlerin nachzudenken und mit ihren ausgeprägten intellektuellen Themen mitzufühlen.“
(Ana Finel Honigman, ARTFORUM, 2009.)

Rini Tandon, geboren in Indien, lebt und arbeitet seit 1978 in Wien. Studium an der Universität in Dehli und Baroda, Indien und an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien. Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst, Wien. Zahlreiche Publikationen begleiten ihre Ausstellungstätigkeit.

www.rinitandon.com