Galerie Raum mit Licht

 

ROMAN PFEFFER

»DINGE DURCH DENKEN«

Vernissage: Samstag, 20. Mai 2017, 12 – 15 Uhr
Ausstellungsdauer: 23. Mai – 30. Juni 2017

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1. „Ursprünglich sinnliche bedeutung, etwas durch messen bestimmen...“
JACOB UND WILHELM GRIMM I DEUTSCHES WÖRTERBUCH I LEIPZIG 1854-1961.

Aufgerollt und eingeklappt: Maßsysteme aus verschiedenen Zeiten und Kulturräumen haben sich im Atelier Roman Pfeffers angesammelt. Gemeinsam ist ihnen die Eichung auf „Meter“ oder „inch“. Erst in der Anwendung entfalten sie ihr Potential: Maßnehmen, Dinge in Beziehung setzen  - unter Umständen auch sich selbst - und in der Vielfalt der vorgefundenen Welt Parameter entdecken, diese Tätigkeiten haben Pfeffer schon früh fasziniert. Er alterniert dabei zwischen dem „sinnlichen“ Zugriff auf Konkretes, der Präzision des Messens, der Abstraktion des Vergleichens. Diese Vorgangsweise mutet wissenschaftlich an und zuweilen wählt Pfeffer auch für seine Arbeiten das Präsentations- Format eines wissenschaftlichen Ergebnisses: Das trifft besonders auf die Arbeit „30m = 0.387 m²“ (2011) zu.
Sie zählt zu einer Serie von Werken, deren Titel eine naturwissenschaftliche Gleichung simulieren und besteht aus zwei gleich großen, annähernd quadratischen Feldern mit den Maßen 62,5 x 61,9cm. Während das linke Feld durch ein exaktes Übereinandersetzen von Streifen eines gebräuchlichen 30 m langen, dunkelfarbigen Industriemaßbandes gebildet wird, handelt es sich bei dem rechten Feld um eine mit Tafellack gleichmäßig eingefärbte Fläche. Assoziationen an Schultafeln als Medium autoritärer Lehre und Wissenschaft werden geweckt. Hier wird vor-gedacht und vor-geschrieben. Und so hat Roman Pfeffer mit Kreide rechts jenes Maß eingetragen, das sich aus den Faktoren von Höhe und Breite der Fläche errechnen lässt. Auf diese Weise wird einsichtig, dass die Fläche, die ein Maßband von 30 m Länge auf der linken Seite ausfüllt, einer Fläche von 0.387 m² auf der rechten Seite entspricht. Dieses „Ergebnis“ verunsichert, die Gleichung ist aufgrund der verschiedenen Maßeinheiten unmöglich und das Instrument für ein Längenmaß wird – seines eigentlichen Gebrauchswertes beraubt – selbst zur Fläche. Pfeffer zeigt damit, dass Maßstäbe relative Setzungen sind. Allein, die Erfahrungstatsache, zwei gleich große Felder vor Augen zu haben, bleibt jedoch unbestritten. Dies ist der eigentliche Parameter und das Dilemma des Betrachters. Denn er wird hin und her geworfen zwischen Bild und Text, zwischen subjektiv-visuell erfahrener Gleichheit und lesend wahrgenommener Ungleichheit, die dazu im Deckmantel einer wissenschaftlichen Sprachlichkeit daherkommt. Der Konzeptkünstler Roman Pfeffer thematisiert und dekonstruiert die scheinbar objektive und universale Gültigkeit von Maßstäben. Und mehr noch: Auch eine solchermaßen positivistisch arbeitende Wissenschaft, die absolut setzt, was zu messen ist, steht damit auf dem Prüfstand.
In ihrer Eigenschaft, sich regelmäßig fortzusetzen, bieten Maßsysteme ein Dispositiv, um imaginäre Modelle von Körpern und Räumen in der Fläche zu entwickeln. Diesem Reiz konnte bereits Paolo Uccello (1397-1475), nicht widerstehen, in dessen florentinischer Umgebung die Zentralperspektive entwickelt wurde. Und so erweiterte er mit den Mitteln der neuen Darstellungskunst den Kreis der aus der Antike überlieferten platonischen Körper um eine weitere ideale stereometrische Figur. Erstmals blieb sie nur ein gezeichneter und gemalter „iconic body“, ein theoretischer Körper, der – in Analogie zu einer damals üblichen Kopfbedeckung – von den Zeitgenossen als „Mazzocchio“ (Haarwulst) bezeichnet wurde. Es war allerdings vielmehr dessen kreisförmiges Gerüst, das Uccello zu seiner Konstruktion inspirierte. Dabei handelt es sich um einen ringförmigen, mathematisch regelmäßigen Polyeder. Sein Längsschnitt bestand meist aus einem gleichseitigen Zweiunddreißig-Eck, sein Querschnitt in einem zur vertikalen Mittelachse symmetrischen Achteck. Die Oberfläche dieses Polyeders war in 256 Facetten aufgesplittert. 
Während Uccello den Mazzocchio in seinen Gemälden als scheinbar selbstverständlichen Kopfschmuck integrierte, hat Roman Pfeffer dieses Produkt intellektueller Fantasie dekontextualisiert und die abstrakte Idee dahinter freigesetzt. Seit 2013 verlieh er dem theoretischen Körper in immer neuen Varianten eine materielle Erscheinung, die weit über die Aneignung durch einen bloßen Nachbau hinausgeht. Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei seine Arbeit „Mazzocchio measured“ (2013) ein. Bei der Herstellung dieses handwerklichen Bravourstückes hat Pfeffer den Längsschnitt des aus MDF hergestellten Polyeders auf ein Sechzehneck reduziert. Die nunmehr 128 Facetten, in denen sich der aus 16 gleichen Gliedern bestehende Körper zum Raum hin öffnet sind in schachbrettartigem Wechsel mit dunklen Inch - Maßbändern und hellen Endlos -Meter – Maßbändern ausgelegt. In verschiedenen weiteren plastischen Variationen „Mazzocchio twisted“ bricht Pfeffer schließlich die Kreisformation des Mazzocchios auf und lässt ihn mit seiner Umgebung nach allen Richtungen hin in Beziehung treten. Besonders die dunkel und einfärbig gehaltenen Versionen des Mazzocchios entfalten über die prismatische Oberfläche in den vielfältigen Brechungen des Lichtes eine eigene Körperlichkeit. 
In seiner jüngsten Arbeit „Swip“ (2017) kehrt Roman Pfeffer wieder zur zweidimensionalen „Theorie“ des Mazzocchios zurück. „Swip“ liegt die Konstruktionszeichnung eines 16–teiligen und im Querschnitt achtseitigen ebensolchen Körpers zugrunde, wobei die Konstruktionslinien in Weiß auf schwarzem Grund erscheinen. Dieses „model“ überträgt Pfeffer auf ein 32-teiliges großes Format aus einzelnen, in höchster Perfektion gearbeiteten, quadratischen Leinwand-Tafeln mit den Maßen 32 x 32 cm. Sie sind in vier Reihen à 8 Einheiten übereinander angeordnet, mit Gesso dunkel grundiert und gewalzt, die weißen Konstruktionslinien wurden mit dem Pinsel aufgetragen. Nur aus der Distanz ist das Ganze zu überblicken. Durch die Fragmentierung erscheint auf den einzelnen Tafeln eine überschaubare Anzahl von weißen Linien. In ihrer Reduktion und Prägnanz gewinnen diese linearen Formationen Zeichencharakter und dies umso mehr als Pfeffer den konstruktiven Zusammenhang durch einen kleinen Handstreich stört: Entgegen der in Europa gewohnten Leserichtung, dreht er die Hälfte der Tafeln mit 90° Grad um die eigene Achse nach links und schneidet damit zugleich die Konstruktionslinien von ihrem gedachten Fluchtpunkt ab. Der theoretische Körper löst sich auf und der Betrachter, der eben noch den Mazzocchio wiederzuerkennnen glaubte, steht vor einem noch nie gesehenen Bild, dessen Zeichen er nicht zu lesen weiß. Die geordnete Vielteiligkeit und Verhältnismäßigkeit der einzelnen Teile zum Ganzen ist jedoch geblieben. Es könnte ein neuer Körper entstanden sein, den es noch zu bestimmen gilt. Am Ende wandelt sich also der Titel „swip“ in einen Imperativ, der zur weiteren Umordnung der 32 Tafeln auffordert. Titel sind in Pfeffers Werk stets mehr als ein Deskriptiv. Sie sind essentieller Bestandteil und wirken mit ihrer Poesie und Wortmacht in die visuelle Wahrnehmung hinein: Mit der Aufforderung „swip“ hat Roman Pfeffer dem Betrachter ein visuelles Dispositiv vor Augen gestellt, das zur Suche nach sinnvoller Ordnung stimuliert. Die eigene Rationalität lässt sich dabei als subjektiver und subjektiv zu verantwortender Prozess erfahren. Scheinbar objektive Gesetzmässigkeiten – wie das Darstellungsprinzip der Perspektive – verlieren ihre selbstverständliche Geltung. Der einzig gültige Maßstab zur Vemessung der Welt ist vielmehr das selbstreflexive Subjekt, das auf die eigene Erfahrung „geeicht“ ist und sie zugleich ständig überprüft.
Treffender als in der Arbeit „Ich als Kreis“ (2017) kann dieser zirkuläre Schluss kaum zum Ausdruck gebracht werden: In dem handwerklich höchst aufwändigen Werkstück hat Roman Pfeffer seine eigene Körperlänge zum Parameter gemacht, den er – in Form eines gewöhnlichen Metermaßstabes  - zu einem Kreis biegt. Ohne Anfang und Ende aber, wird das „Ich“ zu einem Umfang und damit zu einem Parameter, der sich selbst nicht durch andere Referenzen vermessen lässt.
Es ist dieser äußerst subtile Umgang mit den Dingen und zugleich das bisweilen schalkhafte Spiel mit ihrem erwarteten Gebrauchswert, das die Werke des Künstlerphilosophen Roman Pfeffer zu virtuosen Kabinettstücken von höchster ästhetischer, wie poetischer Dichte macht. Rationalitätskritik ist ihr Telos.

(Heindrun Rosenberg, April 2017)