Galerie Raum mit Licht

 

TAMARA HORÁKOVÁ & EWALD MAURER

»RAUSCHEN«

Eröffnung: Donnerstag, 13. Februar 2014, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 14. Februar – 21. März 2014

Horáková + Maurer
»Rauschen«
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Variationen eines Endes

Im Dezember 2010 erhielten Tamara Horáková und Ewald Maurer einen Anruf aus Marly in der Schweiz. Da die Einstellung der Produktion von Ilfochrome-Fotopapier bevorstünde, erklärte die Stimme am anderen Ende der Leitung, wäre es nicht länger möglich, Bilder in diesem Verfahren herzustellen. Die Techniker des Labors – lange mit der Arbeit von Horáková + Maurer vertraut – würden jedoch anbieten, für die Künstler eine allerletzte Produktion durchzuführen.
Horáková und Maurer begegneten einander 1967 an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ihr zentrales Medium in der Zusammenarbeit war seit 1984 die Foto- grafie. Nachdem im vergangenen Jahrzehnt nach und nach digitale Methoden die analogen, praktisch wie auch in der öffentlichen Wahrnehmung, zum Verschwinden gebracht hatten, nutzten Horáková/Maurer die neue Technik um viele ihrer Bilder zu vervielfältigen oder zu vergrößern, ihr primäres Vorgehen blieb jedoch analog. Ilfochrome (auch bekannt unter seinem früheren Namen Cibachrome) war lange ihr bevorzugtes Medium, da es Bilder von einzigartiger Leuchtkraft und Haltbarkeit hervorbringt, mit vibrieren den Farben, die länger dem Verblassen widerstehen als Farben anderer fotografischer Materialien.
Die letzten Arbeiten, die in Marly entwickelt wurden, waren Horákovás ei-far-got-of (2012) und Maurers Last Print (2011/12). In ei-far-got-of, eine ironische Zerstückelung und Umkehrung des Wortes „fotografie“ klingt überzeugend, wenn auch fragmentarisch, ein Satz auf Englisch an, während anderseits das deutsche Wort eine Art letztes Rätsel des Mediums selbst zu verraten scheint. Maurers Last Print brodelt fast vor Intensität, der toxische Ton von Violett bedient sich ein letztes Mal der seltsamen, gel-artigen Tiefe, welche die Ilfochrome Farbschichten den Bildern verleihen. Diese beiden letzten fotografischen Arbeiten sind, abgesehen von ihrer Nüchternheit, aber nur die letzten, vielleicht prägnantesten Ergebnisse, einer - wie man sagen könnte - Serie von Variationen über das Loslassen von der analogen Fotografie.
Viele der Arbeiten in der Ausstellung Rauschen in der Galerie Raum mit Licht, einschließlich einer Auswahl der Photo Paper Serie, wie auch die Bilder um Silver Bullets ( Rochester Cat und die Auswahl aus der Screenshot Serie) beinhalten unterschiedliche Methoden einer sehr intensiven Beschäf- tigung mit dem Medium Fotografie selbst.
Die frühesten der ausgestellten Arbeiten, verschiedene Exemplare aus der Photo Paper Serie (2007–2009) zeigen Fotopapierrollen in ihrer gesamten Länge, gerollt, gefaltet, in Schleifen gelegt, und dann vor neutralem Hintergrund abfotografiert. Im Fall von PP #4 gibt der starke Kontrast von schwarz auf weiß dem Bild etwas von einer kryptischen Kalligraphie, ebenso anmutig wie unentzifferbar. PP #9 und PP #10, im Gegensatz dazu, zeigen das Papier bucklig und zerknüllt, wie eine skulpturale Imitiation von Wolken, die sich über den Köpfen der Sterblichen in den Himmeln barocker Altarbilder auftürmen. Das Papier, mit seinen unterschiedlichen Strukturen wird geformt und in verschiedene Posen gebracht, gerade so wie ein Porträtierter für die Aufnahmen ei- nes Fotoshootings. In diesen selbstreflexiven Still-Leben wird das Material, das in der Produktion genutzt wird, zugleich Gegenstand der Abbildung, es entsteht eine Art „Selbstporträt“ des Materials.
Chronologisch zwischen den eleganten Kompositionen der Photo Papers und den letzten Vergrößerungen gelegen, ist eine Reihe von Arbeiten zu sehen, die in einem Akt der Gewalt entstanden sind. Silver Bullets (2010), Screenshots (2010/11) und Rochester Cat (2014) haben alle denselben Ursprung: Die Künstler nahmen eine Schachtel Planfilme auf denen bereits Bilder belichtet waren, inklusive der Schutzhülle, und durchschossen sie mit einem Luftgewehr. Die Folgen des Gewaltakts sind deutlich: Die Löcher, die die Kugeln auf jedem Bild hinterließen, wirken abwechselnd wie Sternbilder, Mottenlöcher oder (spielerisch) eine Katze. Die „Silberku- geln“, die diesen Schaden angerichtet haben, sind natürlich mehr als irgendeine Munition; die mythologische Silberkugel ist das magische Mittel, um ein mythisches Monster zu töten.
Hier sind diese Kugeln buchstäblich durch das Herz des photographischen Prozesses gedrungen.
Zusammen formulieren diese Arbeiten Variationen über ein Ende. Nach annähernd drei Jahrzehnten präzisen Adressierens, Auswertens und Neubewertens der Fotografie ziehen sich Horáková/Maurer aus dem Diskurs mit dem Analogen zurück, indem sie es gleichsam zur Reliquie eines selbstreflexiven Ornamentes machen, es mit magischen Mitteln austreiben oder ihm zum Abschied einen Brief schreiben. All diese Gesten scheinen in der Arbeit diesem Medium zu huldigen indem sie das Material und sogar das Wort „fotografie“ ins Ornament transformieren. „Das Ornament, „ zelebriert etwas, das es außerhalb unseres Selbst schon gibt, etwas das wir schätzen “, so Dave Hickey und ist als solches „ein Diskurs der Liebe“.
So betrachtet, sind die Unterschiede dieser Gesten weniger Varianten des Feierns, als vielmehr unterschiedliche Arten des Zurecht- kommens, wechselnde Methoden reflektieren eine gewisse Ambivalenz über ein Ende, das aufgezwungen und nicht selbst gewählt ist.

Die Möglichkeiten des Rauschens
Genau wie es in den visuellen Künsten keine völlige Leere gibt, existiert auch beim Ton keine absolute Stille.
Im Film nennen Toningenieure dieses Phänomen „Atmo“. Selbst, wenn alle Außengeräusche wegfielen, wie in einer schalldichten Kammer, könnten wir den Geräuschen unserer eigenen Körper doch nicht entfliehen. „White Noise/Rauschen“ ist analog dazu das Geräusch der Mechanik selbst, das Summen des Transistors, ein hohes Klingeln im Ohr, das Brummen von fluoreszierenden Lampen.
Die jüngsten Arbeiten in dieser Ausstellung, eine Auswahl aus den Serien Rauschen (2014) und WN (White Noise) ahmen das atmosphärische Krachen einer schlecht eingestellten Radiofrequenz nach. Diese Bilder sind ohne jede analoge Bezugnahme entstanden, sie wurden digital in Photoshop hergestellt und direkt vom File auf Papier gedruckt. Das visuelle Feld, das hier dargestellt wird, ist ein Übergangspunkt, von/aus dem ein Bild auftauchten oder verschwinden könnte, wahrnehmbar aber nicht erkennbar, entstanden durch Schatten wechselnder Dichte und den Verschiebungen der Farben in der Menge der Pixel. Das auditive Phänomen des „Rauschens“ nimmt visuelle Form an – Farbtöne als Mimikry von Klangfarben.
„Rauschen“ ist eine Eigenschaft der Hardware, ein Feld der Möglichkeiten, visuell als auch akustisch, wie ein Geist in der Maschine. Die Zusammenstellung der Arbeiten von Tamara Horáková und Ewald Maurer in der Ausstellung in der Galerie Raum mit Licht zeigt einen präzisen Überblick eines Wechsels, den Nachweis eines Endes, begleitet vom dunklen, versprechenden Brummen der Maschinen.

Text: Ginger Dellenbaugh
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