Galerie Raum mit Licht

 

»VORVORGESTERN« curated by_Franziska Lesák

Vernissage: 13. September 2018, 18–21 Uhr in allen teilnehmenden Gallerien
Ausstellungsdauer: 14. September – 25. Oktober 2018

Roman Pfeffer (2011) »Halblicht« C-print, 120 x 160 cm ©Bildrecht
KünstlerInnen:
Iris Andraschek (geb. 1963, lebt in Wien/Mödring)
František Lesák (geb. 1943, lebt in Wien/Neu Nagelberg)
Petra Maitz (geb. 1962, lebt in Wien, Hamburg, Sydney)
Desiree Palmen (geb. 1963, lebt in Berlin/Den Haag)
Klaus Pamminger/Ruth Beckermann (geb. 1967, lebt in Wien/geb. 1952, lebt in Wien)
Roman Pfeffer (geb. 1972, lebt in Wien)
Goran Rebić (geb. 1968, lebt in Wien)
Paul Rosdy (geb. 1963, lebt in Wien)
Andrea van der Straeten (geb. 1953, lebt in Wien)
Arye Wachsmuth (geb. 1962, lebt in Wien)
Simon Wachsmuth (geb. 1964, lebt in Berlin)
Georg Wasner (geb. 1973, lebt in Wien)

Zahlen haben in verschiedenen Kulturen eine unterschiedliche Bedeutung. Die Zahl 8 bedeutet für die Chinesen Glück, vor allem aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit mit dem Zeichen „Voran“. In der christlichen Welt ist die Acht eine heilige Zahl. Doch auch für die Jüdische Kultur, den Indern, Etruskern und Odinverehrern hat sie eine besondere Bedeutung.

In diesem Sinne ist das Jahr 2018 auch für Wien und Österreich bedeutsam – es ist ein Gedenk- und Jubiläumsjahr. Einerseits wird die Wiener Moderne gefeiert. Vor 100 Jahre starben drei der wichtigsten Künstler, die Wien geprägt haben, die Maler Gustav Klimt und Egon Schiele sowie der Architekt Otto Wagner. Gleichzeitig ging der Erste Weltkrieg zu Ende und Karl Renner rief in Österreich die Erste Republik aus. Zwanzig Jahre später fand der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich statt und ebnete den Weg für die Vertreibung und Vernichtung der Juden in Österreich. Ferner wird an das Jahr 1968 erinnert, in dem sich zwischen Paris, Berlin und Wien eine studentische Protestbewegung formierte, die nach Veränderung der Verhältnisse verlangte. Im diesem Jahr fand auch der Prager Frühling statt, in jener Stadt, in der 1618, ausgelöst durch den Prager Fenstersturz, der erste große Europäische Krieg seinen Anfang nahm. Die Märzrevolution fand 1848 statt und 1818 wurde das Lied „Stille Nacht“ zum ersten Mal aufgeführt.

Eine Fülle vergangener Ereignissen durchzieht also das Bewusstsein, wenn vom Jahr 2018 die Rede ist, und eine ebenso große Anzahl an Ausstellungen ist Teil einer aktuellen Erinnerungskultur. Sogar die Eröffnung des lang geplanten und einer stetigen Transformation unterworfenen „Haus der Geschichte“, in dem spezifisch die österreichische Geschichte dargestellt werden soll, ist für dieses Jahr fixiert. Neben Affirmation und Fortschreibung der großen historischen Erzählungen und deren kritischer Revision sind natürlich auch weitere, höchst unterschiedliche Geschichtsdarstellungen zu erwarten.

Vor dem Hintergrund einer globalen Krise, die sich sowohl in Europa als auch lokal-spezifisch in Österreich auswirkt, gibt es bereits eine Vielfalt an Stimmen. Die Stimmen von Sehnsucht, Kritik, Angst, Hass, aber auch Vernunft und Zuversicht versuchen sich Gehör zu verschaffen. Wie also diesem Stimmenwirrwarr und dem Wettbewerb um Deutung und Umdeutung entkommen?

Vielleicht über den Versuch von den großen, herrschaftlichen Alleen auf schmale und überschattete Wege zu wechseln. Auf diesen Pfaden wandelt die Ausstellung Vorvorgestern in der Wiener Galerie Raum mit Licht und umkreist einige der erwähnten historischen Ereignisse in Wien und Österreich. Im Vordergrund stehen aber nicht die großen traditionellen Narrative, sondern die Zwischenräume und Nebenschauplätze, die sich knapp vor, neben oder nach einem historischen Datum oder Ort befinden.

Wien ist nicht nur eine Stadt, sondern die Summe unterschiedlicher Zeit- und Kulturschichten. In diesem Sinne wird die Verwobenheit von transkultureller Beziehungsgeschichte und Diversität adressiert. Divers sind auch die individuellen Ansätze bei der Annäherung an die mit der Stadt verwobenen Narrative – so auch die Werke in der Ausstellung: installative, fotografische und skulpturale Werke treten in Dialog mit Experimental- und Dokumentarfilmen. Die Ausstellung bringt Themen wie Zentrum und Peripherie, Vertreibung und Migration, Ideologie und Politik, persönliches Erlebnis und universelles Geschehen in Form einer atmosphärischen Montage zusammen. Die unterschiedlichen ästhetischen Prozesse und künstlerischen Herangehensweisen mit ihren politischen und kulturellen Facetten bilden das multiperspektivische Mosaik einer Stadt.

Text Franziska Lesák 2018