Galerie Raum mit Licht

 

ÖZLEM ALTIN

»HOLE OR SCREEN (HER BODY, A FRAGMENT)« mit Arbeiten von Karin Fissltaler, Käthe Hager von Strobele, John Hilliard, Olena Newkryta, Eva Stenram

Vernissage: Donnerstag 17. März 2016, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 18. März – 13. May 2016

»HOLE OR SCREEN (HER BODY, A FRAGMENT)«

Seht, mir geschiehts, daß meine Hände einander
inne werden oder daß mein gebrauchtes
Gesicht in ihnen sich schont. Das gibt mir ein wenig
Empfindung. Doch wer wagte darum schon zu sein ?

Rainer Maria Rilke, 2. Duineser Elegie


Zeichen von sich, Partes extra Partes, sich-sein heißt notwendigerweise exponiert-sein,
außen-sein.


Hole or screen, Leerstelle oder Projektionsfläche, setzt Özlem Altin wie einen Leitfaden der Reflexion als Titel ihrer Ausstellung in der Galerie Raum mit Licht.
Dort, wo ich bin, ist die leere, verschiebbare Stelle des Personalpronomens, dort wirkt aber auch die Subjekt-konstituierende Macht des Spiegels. Im Blick des Anderen nimmt das Ich sich imaginär als körperliche Ganzheit vorweg.
Ihr Körper, ein Fragment, Splitter des Fraktals und Hologramm einer nicht sichtbar werdenden Komplexität von Verbindungen. Ihr Körper fragmentiert.
Özlem Altin verwendet in ihrer Arbeit gefundenes Bildmaterial ebenso wie eigene Fotografien. Eine Sammlerin von Bildern, angezogen von bestimmten Details, nutzt sie dieses Material als Fundus. Sie wählt Ausschnitte, vergrößert, überblendet in Doppelbelichtungen, collagiert und übermalt „ihre“ Bilder. In einem radikal aneignenden Prozess werden die Bildfragmente zum eigenen Blick, zu aus dem Kontinuum der Umgebung mit den Augen gepflückte Ich-Fragmenten. Es fällt auf, dass die Gesichter fehlen.
Körper, dem Betrachter abgewandt, verdecken einander, in Doppelbelichtungen überblendet ein  Bild das andere. Ein  Kopf, von Schwärze verhüllt, der Körper, azephal, kopflos.
In dichten, traumartigen Schwarzweiß-Szenen nehmen Hände die Stelle der fehlenden Blicke ein. Sie werden hervorgehoben, isoliert vom Zusammenhang zeigen sie sich in Gesten und Berührungen. Die Körper werden von unsichtbaren Kräften verdichtet, die Gesten der Hände verweisen hingegen auf einen bruchstückhaften Code, werden zu Zeichen, hinweisendes „dieses da“, so verschlossen wie unabweisbar.
Sich spüren spüren. Die eine Hand, der anderen inne werdend, bringt den Raum hervor. Jedes Empfinden, auch das Sehen, ist ein Berühren, ein Berührt-Werden, Körper und Erinnerung sind physisch verbunden.  Bilder werden üblicherweise nur aus der Distanz betrachtet, der Fotografie ist jedoch die Spur als Abdruck eingeschrieben.
Özlem Altin hat einige Werke von Künstlern der Galerie ausgewählt und als integrale Elemente in ihre Ausstellung eingefügt. Diese Arbeiten werden so zu Sätzen einer Aussage, die Installation wird zu einem Gefüge von Verkettungen.  Aspekte des fotografischen Dispositivs werden ins Blickfeld gerückt, neben dem Index der Spur, sind dies besonders Umkehrbarkeit und Ausschnitt.  Andererseits gerinnen die Bilder der anderen Künstler zum Auslöser von Assoziationen, zu Spiegelfragmenten, in denen ein Detail sich bricht und weiterträgt. Die Künstlerin behandelt auch diese Bilder wie zufällige Funde,  die einen überraschenden, dem intentionalen Denken nicht verfügbaren Zusammenhang herstellen können.
Diese Objets trouvés sind wie insistierende Symptome. Sie geben Hinweise auf die an manchen Stellen unterbrochene Erzählung vom Selbst, auf die dort eingefrorene Zeit. 

Text: Daniela Hölzl

ÖZLEM ALTIN
(*1977 in Goch, D) ist derzeit in der Sammlungspräsentation im Lentos Kunstmuseum Linz vertreten.  International waren ihre Arbeiten in den letzten 5 Jahren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt: Witte de With, Rotterdam (2015); Kunstraum Bethanien, Berlin; Circus, Berlin (2013); Hamburger Bahnhof, Berlin (2013); Kunsthalle Wien (2013); Leopold–Hoesch–Museum, Düren (2012); David Roberts Art Foundation, London (2011); und Fondazione Morra Greco, Neapel (2010).

Özlem Altin lebt und arbeitet in Berlin.